Immer wieder wird in der Öffentlichkeit mit unterschiedlicher Intensität gegen den Kommunismus angegangen. Dagegen ist nichts einzuwenden; es ist das Recht jedes einzelnen, sich für oder gegen etwas auszusprechen. Bedauerlich im höchsten Grade ist aber das Niveau, auf dem solche Angriffe geführt werden.

Da werden Bezeichnungen wie Sozialismus, Anarchismus, Kommunismus, Marxismus wild gemischt und als Synonyme gebraucht. Damit man es noch leichter hat (und gleichzeitig die eigene Position ins vorteilhafte Licht rücken kann), bezeichnet man alle insgesamt als Dogmatiker. Dies hat den Vorteil, in Diskussionen nicht auf Argumente eingehen zu müssen: es lebt sich bequemer mit Pauschal- und Vorurteilen.

Von der Dialektik wissen diese Leute nur, daß „jedes Ding zwei Seiten hat“: Zum Freund-Feind-Bild als Trivialausdruck für „Klassengegensätze“ ist es dann nicht mehr weit. Unter Materialismus wird oft Geldreichtum verstanden. Daß das „Kapital“ nur zehn Prozent der Werke von Marx und Engels ausmacht, daß Lenin auch ein glänzender Theoretiker war: all dies ist weithin unbekannt. So erstaunt es nicht, daß für diese Leute die Gleichung Sowjetunion = alle Oststaaten = Kommunismus immer stimmt. Diese „Kritiker“ meinen auch, daß Marxismus im wesentlichen nur Ökonomie sei; in Wirklichkeit handelt es sich um eine Weltanschauung, ein komplexes Gebilde also, aus vielen Einzelwissenschaften bestehend. Wenn da einer meint, sich diese umfassende „Philosophie der Praxis“ in einigen Wochen oder Monaten aneignen zu können, wo die Entwicklung Jahrzehnte in Anspruch nahm, befindet er sich auf dem Holzweg. Daß es im Verlauf dieses „Prozesses“ auch mancherlei (Vor-)Urteile abzubauen gilt, hat Reich vielfach aufgezeigt. Das Selbstverständnis wird dabei so radikal umgestaltet, daß jeder, der in seinem Innern Ruhe vorzieht, vom Marxismus die Finger lassen sollte: die Wahrheit ist eben eine bittere Pille! Marx ist keine Nachttischlektüre, kein Valium für Pseudolinke.

Thomas Berchtold, 20 Jahre