„Liebe & Tarock“, Roman von Esteban López. Der Klappentext spricht zwar von einer „phantastischen“ erotischen Atmosphäre, doch „phantastisch“ steht hier sicher für „großartig“ und nicht für „traumhaft, phantasievoll“. Denn Phantasie – also der Versuch, zu dem, was man schon kennt, Alternativen zu finden – klammert López von vornherein aus. Was er erzählt, das kennt man längst: die Geschichte eines verheirateten Mannes, der sich in ein Mädchen verliebt und immer mal wieder mit ihr schläft; dieses Mädchen heiratet eines Tages, so daß man es jetzt zu vieren oder auch zu dritt treiben kann; da man immer mehr Leute kennenlernt, wird man folglich auch immer mehr beschäftigt. Eine erotische Atmosphäre? Möglich, daß einige sich bei der Lektüre aufladen können: „Mein Glied war ein feuerspeiender Springbrunnen, eine triefende Fackel“; „sie kreuzten die Glieder“; „erst ficken, dann habe ich Sprechstunde“. Natürlich plädiert Lopez für freie sexuelle Betätigung, und das ist ja auch ganz vernünftig. Aber wenn der Mann, der fröhlich herumschläft, plötzlich Eifersucht zeigt, weil sein Mädchen mit einem anderen ins Nebenzimmer geht, wird es zu dürftig, weil López nur beschreibt und nie reflektiert. Sobald es darauf ankommt, etwa die verinnerlichten autoritären Strukturen aufzudecken, läßt er schnell Wirklichkeit unter schablonenhaften Bildern verschwinden und besäuft sich dafür an immer ein und derselben Sache. Auch „Tarock“ bringt ihn da nicht weiter – es lohnt nicht zu erklären, wie López die Tarockregeln deutet. Brecht sagte, man solle auf das hören, was die Leute denken, nicht auf das, was sie sagen. Aber da sagt López es schon wieder. (Aus dem Niederländischen von Johannes Piron; März Verlag, Frankfurt a. Main; 208 S., 20,– DM.) Christian Linder