Von Ferdinand Ranft

Seit dem Inkrafttreten des Berlin-Abkommens sind die Westberliner den Bewohnern der Bundesrepublik um eine Nasenlänge voraus. Während Bundesbürger nach wie vor nur zu Verwandtenbesuchen und zur Leipziger Messe in die DDR einreisen können, fahren die Berliner jetzt auch als Touristen in den anderen Teil Deutschlands. Erst wenn der Verkehrsvertrag zwischen DDR und Bundesrepublik ratifiziert ist (was frühestens nach der parlamentarischen Sommerpause geschehen kann), werden die Westdeutschen ebenfalls auf ostdeutschen Touristenpfaden wandeln können.

Für den Westberliner DDR-Touristen gibt es drei verschiedene Reisemöglichkeiten: 1. Die Ein-Tages-Reise auf eigene Faust. Der Reiselustige beantragt bei einem der Besucherbüros eine Aufenthaltsgenehmigung für ein beliebiges Ziel in der DDR. Er kann dann am gewünschten Tage in die DDR einreisen, muß diese Fahrt jedoch bis 24 Uhr beenden, eine Übernachtung ist also nicht möglich. Der Pflichtumtausch von DM-West in DM-Ost beträgt zehn Mark; wer lediglich nach Ostberlin will, muß nur fünf Mark wechseln (für Kinder bis 16 Jahre und Rentner besteht keine Umtauschpflicht). Fährt er mit dem Kraftfahrzeug (hierfür gelten besondere Bedingungen, unter anderem muß das Reiseziel mehr als 100 Kilometer entfernt sein), so ist je nach Entfernung des Zielortes eine Straßenbenutzungsgebühr zwischen fünf und 25 Mark zu entrichten. Getankt werden kann unterwegs.

2. Die Mehr-Tage-Fahrt auf eigene Faust. Im Rahmen der Vereinbarungen zwischen dem Reisebüro der DDR und dem Deutschen Reisebüro (DER) wurde auch eine Regelung für längere touristische Reisen getroffen. Der Tourist wendet sich hier zunächst an ein Westberliner Reisebüro und gibt seine Wünsche für die geplante Route auf, beispielsweise: Dresden, Rostock, Weimar, Eisenach und Leipzig mit zwei Übernachtungen pro Ort. Das Reisebüro besorgt dann die entsprechenden Hotelgutscheine für die geplanten Übernachtungen. Erst wenn diese vorliegen, kann das Visum beantragt werden. Solche Mehr-Tages-Fahrten werden freilich immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen, weil die Hotelkapazität der DDR bei weitem nicht ausreicht. Außerdem bezahlen Bundesbürger, wie alle Ausländer in der DDR, in den Interhotels den doppelten Preis. Billig sind diese Hotels deshalb beileibe nicht. Beispielsweise kostet ein Einzelzimmer im Hotel „Elefant“ in Weimar 50 Mark. Liegen jedoch die Hotelgutscheine vor, steht der Rundreise nichts mehr im Wege. Alle anderen Formalitäten sind die gleichen wie bei der Ein-Tage-Fahrt. Der Tourist sollte freilich bedenken, daß er Verpflegung und andere Extras (auch Benzin für den Fall der Reise mit dem Pkw) nur mit DM-Ost bezahlen kann, die er an der Grenze im Verhältnis 1:1 eintauschen muß. (100 DM-Ost werden zur Zeit an den Banken der Bundesrepublik zum Kurs von 28 Mark West gehandelt, die Einfuhr ist allerdings verboten.)

3. Gruppenfahrten mit Westberliner Reisebüros. Seit ein paar Wochen bieten die Berliner Reisebüros ein ganzes Bündel vorprogrammierter Reisen in die DDR an. Ohne Pflichtumtausch kommt der DDR-Tourist bei der dreieinhalbstündigen Stadtrundfahrt in Ostberlin davon, ebenso bei den Halbtagesfahrten zum Müggelturm und nach Potsdam. (Preise zwischen 17,50 und 35 Mark.) Ein-Tages-Fahrten (ohne Übernachtung) werden nach Potsdam, in den Spreewald und nach Dresden angeboten (55 bis 89 Mark).

Mit Hotelaufenthalten (siehe oben) sind die DDR-Touren selbst für westdeutsche Verhältnisse außerordentlich teuer. So kostet eine Zwei-Tage-Fahrt (alle Reisen im Omnibus) in den Spreewald 155 Mark, eine Drei-Tage-Reise nach Thüringen (Erfurt, Eisenach, Buchenwald, Weimar) 265 Mark, drei Tage in Dresden 250 Mark und drei Tage in Rostock 245 Mark. Bei der Dresden-Reise wird freilich das seltene Vergnügen einer Kutschfahrt zum Schloß Moritzburg geboten. Alle Gruppenreisen werden (außer der Stadtrundfahrt) bis Ende September beziehungsweise Ende Oktober veranstaltet.