Seit je hat die deutsche Geschichte Schwierigkeiten bereitet, nicht nur Deutschen, sondern beispielsweise auch Engländern, Franzosen und erst recht Russen. Amerikaner jedoch haben selbst auf diesem Gebiet den Europäern den Rang streitig gemacht.

Es überrascht kaum und ist zugleich ironisch, daß der Antrieb dazu gelegentlich von echt deutschen Historikern ausgegangen ist, die notgedrungen ihr Handwerk westlich des Atlantik auszuüben lernten und daher die Fackel der großen Tradition einer neuen Generation einheimischer Schüler weiterreichten.

Hajo Holborn, Fritz Epstein, Felix Gilbert und andere gehören unbedingt und unverkennbar zu jener Generation der (Doktor)väter. Aber vielleicht ebenso verdienstvoll und noch interessanter ist eine jüngere Generation der eingewanderten Historiker, die allenfalls mit Resten der bürgerlich-liberalen Kulturtradition im Tornister ankamen und sich anschickten, diese Erbschaft auf amerikanischem Boden anzulegen.

Zu dieser Generation der Söhne gehören an prominenter Stelle der früh verstorbene Klaus Epstein, Peter Gay, George Mosse, aber auch Fritz Stern. Die Sammlung seiner Aufsätze liegt nun vor:

Fritz Stern: „The Failure of Illiberalism“, Essays on the Political Culture of Modern Germany; Alfred A. Knopf Inc., New York 1972; XLIV + 233 S., S 7.95.

Der Autor, der mit erst 45 Jahren schon zu den alten Meistern seines Gewerbes zählt, hat sein Menschenmögliches getan, um eine jüngere Generation amerikanischer Historiker zur angemessenen Vorsicht zu erziehen und sie durch die angesammelten Mißverständnisse der deutschen und dadurch auch der eigenen Geschichte hindurchzuleiten. Sein erstes größeres Werk, „The Politics of Cultural Despair“, errang schon gleich nach seinem Erscheinen klassische Bedeutung. Sein neuestes Werk, eine Studie über Gerson Bleichröder, Bismarcks jüdischen Bankier, mag sehr wohl einen ähnlichen Rang einnehmen sobald es erscheint.

In der hier besprochenen Sammlung befinden sich gleichfalls überragende Aufsätze. Dazu zählen der glänzende Artikel von 1958, in dem dargestellt wird, wie Konrad Adenauer beinahe Kanzler der Weimarer Republik geworden wäre; die unbestechlich, feste Rede, die Stern 1964 auf der Berliner Tagung des Historikerverbandes hielt, um fast als einziger Fritz Fischer zu preisen, statt ihn zu begraben; und eine Neubeurteilung von Theobald von Bethmann Hollweg, in der Stern (als erster nach dem Kieler Historiker Erdmann) das Tagebuch von Bethmanns Mitarbeiter Kurt Riezler zitiert, eine Tatsache, die seine deutschen Kollegen 1968 blaß vor Neid machte.