Immer mehr Großstädte entdecken einen neuen Service für ihre Bürger: die kommunale Wohnungsvermittlung. Dabei handelt es sich nicht um eine Neuauflage der Wohnungsämter, sondern um den zentralen Wohnungsnachweis in den Rathäusern. Der neue Städteservice soll den Wohnungsmarkt transparenter machen und den Bürgern helfen, sich die Maklerprovisionen ganz oder zu einem erheblichen Teil zu sparen.

Bereits Ende der 60er Jahre griffen süddeutsche Großstädte diese Idee auf, nachdem es in Stuttgart und Nürnberg zu Demonstrationen vor Maklerbüros gekommen war, bei denen Staat und Städte aufgefordert wurden, für geordnete Verhältnisse im Bereich der Wohnungsvermittlung zu sorgen. Und es waren nicht die Parteien, die auf eine Errichtung von städtischen Wohnungsbüros drängten: In Stuttgart war es die „Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände“, in Darmstadt vor allem die evangelische Kirche und in Nürnberg sozial engagierte Zeitungsredakteure. In diesen Städten stimmten schließlich SPD- und CDU-Ratsherren gemeinsam für die Einrichtung eigener Wohnungsbüros.

Erläuterte Darmstadts SPD-Oberbürgermeister Heinz-Winfried Sabais: „Einen freien Wohnungsmarkt, eine Auswahl unter mehreren konkurrierenden Wohnungen gibt es heute allenfalls für Leute mit Geld, nicht aber für breite Schichten der Gesellschaft. Für diese Leute mit schmalem Geldbeutel, die einen Makler nicht zahlen können – wenn sie überhaupt eine Wohnung finden –, ist unser Wohnungsbüro in erster Linie gedacht.“

Daß „die Zeit reif war“ (so Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitter), erkannte auch der Bayerische Landtag: Im März dieses Jahres stimmte neben der SPD- und FDP-Fraktion auch die CSU-Mehrheit geschlossen für eine Änderung der Gemeindeordnung. Demnach können die bayerischen Großstädte künftig – als erste im Bundesgebiet – mit landesgesetzlicher Billigung Wohnungsvermittlungsbüros betreiben.

Seit April 1971 experimentiert Darmstadt unter Leitung des Liegenschaftsreferenten Barth (CDU) mit einem eigenen Wohnungsbüro, das sowohl Angebote gemeinnütziger Bauträger als auch privater Hausbesitzer kostenlos vermittelt. Bilanz des Darmstädter Büros: Über 600 Vermittlungen, darunter rund 150 für private Hausbesitzer.

Mit einer Sondergenehmigung des bayerischen Innenministers Bruno Merk macht das Nürnberger Rathaus seit Oktober 1971 den Maklern Konkurrenz: Zunächst beschränkt auf Bürger, die zwar Anspruch auf Sozialwohnungen haben, aber keine bekommen können, seit dem Landtagsbeschluß vom März 1971 für alle Bürger. Bilanz: 250 Vermittlungen zum Sozialtarif von sieben Mark je Zimmer. Bis Ende dieses Jahres rechnet man im Nürnberger Rathaus damit, monatlich 100 Mieter erfolgreich bedienen zu können. Die Angebote der Hausbesitzer pendelten sich bei 200 pro Monat ein.

Nach Darmstadt und Nürnberg haben inzwischen auch Stuttgart, Freiburg, Heidelberg, Bochum, Essen, Ulm, Offenbach, Wattenscheid und Hattingen städtische Wohnungsbüros geschaffen. In vielen anderen Städten werden entsprechende Pläne noch, diskutiert, auch in Mittelstädten wie Aschaffenburg, Ingolstadt und Lüdenscheid. In den beiden größten Städten der Bundesrepublik – Hamburg und München – hat sich die dort regierende SPD schon für eine baldige Eröffnung kommunaler Wohnungsvermittlungen entschieden.