Osnabrück

Um den ärztlichen Notstand in einem Land zu mildern, das mit 190 Putschen in den 140 Jahren seiner Unabhängigkeit zu den politisch Schwerkranken zählt, schickt Terre-des-Hommes Deutschland eine Klinik auf Rädern ins südamerikanische Bolivien. Die Feuertaufe hat der aus drei Fahrzeugen bestehende Clinomobilzug – eine 200 000-Mark-Spende deutscher Unternehmen bereits 1970 im jordanischen Bürgerkrieg erhalten. Doch statt zu helfen, mußte sich das Team in der Endphase der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Husseins königlichen Truppen und Palästina-Untergrundkämpfern helfen lassen. Die Mediziner gerieten zwischen die Fronten und hatten das Haschemitenreich Hals über Kopf zu verlassen.

Seitdem stand die Fahrzeugspende nutzlos an der Hase, ehe sich die Osnabrücker Terre-des-Hommes-Organisation in Zusammenarbeit mit Terre-des-Hommes Bolivien ein neues Projekt erkor: Patacamaya, eine in 3000 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Provinzhauptstadt zwischen La Paz und Oruro. Daß die Wahl auf diesen Ort fiel, hat mehrere Gründe:

  • die regionale Bevölkerungsdichte ist die viertgrößte in bolivianischen Provinzen;
  • von Patacamaya aus sind die umliegenden Provinzen des Departements La Paz (Loayza, Pacajes, Aroma, Gualberto, Villarroel und Inquisivi) auf fast ganzjährig befahrbaren Straßen zu erreichen;
  • die Nähe der Landeshauptstadt erleichtert die technische Überwachung und Versorgung der Fahrzeuge. Hinzu kommt der Segen der Kirche. Der Bischof von Corocoro, Monsignore Jesus Lopez de Lama, hat Terre-des-Hommes seine Unterstützung beim Aufbau eines Gesundheitsnetzes zugesagt.

Der kirchliche Segen kann indes nicht über irdische Schwierigkeiten hinwegtäuschen. In ganz Bolivien mit einer Bevölkerung von vier Millionen praktizieren 16 000 Ärzte. Die Hälfte davon ist – sobald sie das Pflichtjahr auf dem Lande hinter sich hat – in La Paz tätig. Die Landbevölkerung ist – wie eh und je – auf den Medizinmann alter Schule angewiesen.

In einem Land, in dem der Präsident mit stets gepacktem Koffer unter dem Bett regiert, kennen nur die Mineros (die Minen- und Stahlarbeiter) einen einigermaßen funktionierenden Gesundheitsdienst. Die Campesinos – die Landarbeiter – haben das Nachsehen. Hier Abhilfe zu schaffen, ist das Ziel von Terre-des-Hommes, das ungeachtet der deutsch-bolivianischen Entwicklungshilfequerelen jüngeren Datums Optimismus zur Schau trägt. Bolivianische Klimmzüge und Sägearbeiten an Oberst Banzers Präsidentenstuhl sind einkalkuliert. Bewußt hat Terre-des-Hommes Deutschland der Schwesterorganisation Bolivien freie Hand gelassen und auf direktem Draht Abmachungen mit dem bolivianischen Gesundheitsdient und -ministerium geschlossen. Doch die Osnabrücker Terre-des-Hommes-Organisation hat sich, was die Fahrzeuge betrifft, rückversichert. Da sich der Explosionsdruck im Andenkessel herumgesprochen hat, wurde die deutsche Hilfe im Zeichen des Äskulap-Stabes als rein bolivianische Angelegenheit deklariert. Die Osnabrücker Organisation, so Pressesprecher Axel Hofmann, leiste nur Starthilfe, wenn auch das Projekt deutscherseits auf fünf Jahre durchdacht worden sei.

Die Hilfe – Stethoskop oben, Schraubenschlüssel in der Hosentasche – soll einmal dazu führen, daß Ortschaften bis zu 1000 Einwohnern Sanitätsstationen, bis zu 20 000 Bewohnern Gesundheitszentren mit Arzt und Krankenschwester erhalten, Ansiedlungen mit mehr als 20 000 Einwohnern mit einem Krankenhaus ausgestattet werden. Projekte auf dem Reißbrett gibt es bereits. Doch bis zu ihrer Realisierung ist die Bevölkerung Boliviens auf die medizinische Hilfe aus Deutschland angewiesen.

Rosemary Callmann