ZDF, Samstag, 2. September: „Chancen der Spiele – verspielte Chancen“

Der Kommentator muß seine Moderation verfertigt haben, bevor er das Ereignis selbst kennenlernte. Berichten wollte er über einen „ungewohnten“, einen „ungewöhnlichen“ Gottesdienst, „wie er für Kirchgänger unbekannt ist“, wie ihn „auch ein Kirchenfremden kaum vermutet“. Darum warnte er: „Seien Sie gefaßt auf allerlei Überraschungen!“ Denn: zu bieten hatte er einen Bericht von einem „ökumenischen Wortgottesdienst während der Olympischen Spiele“.

Das hätte in der Tat interessant sein können: einen Gottesdienst zu kreieren, an dem sie alle hätten teilnehmen können, die Juden und Buddhisten, die Orthodoxen und Mohammedaner, Baptisten, Anglikaner, Römisch-Katholische und Pantheisten, sie alle, die sie an die wie immer geartete Existenz jenes unbeschreibbaren und unbegreifbaren Wesens „Gott“ glauben.

Stattdessen ein müder und liebloser Zusammenschnitt eines verkrampften Versuchs, mit modischen Gags ein bißchen wenigstens die Tatsache zu legitimieren, daß eine gute halbe Stunde lang die Kameras zuschauten: zwölf Minuten abgestandene „neue“ geistliche Lieder zwischen Jazz und Schlager; acht Minuten lang Predigt, die notwendige Volte hin zur „Nachfolge Christi“ schlagend; drei Minuten dann Gebet: Wie die Gruppen derer, die in Not sind und der Hilfe bedürfen, längst zu Stereotypen wurden, sind auch die Fürbitten zu Klischees gefroren; schließlich neun Minuten Interviews, Fragen an die Teilnehmer, etwa: Glauben Sie, daß es ein Spiel ohne Ehrgeiz gibt? oder: Was ist der wahre Sinn des Spiels? Und das alte Mütterchen gestand verschämt, daß es gelegentlich um Geld spielt.

Inge Brandenburg im Einleitungs-Song: „Wir haben die Chance und gehen vorbei.“

Heinz Josef Herbort