8. Woche (16. 11.–22. 11. 1969)

Endlich einmal eine sitzungsfreie Woche. Die Familie verlangt ebenso ihr Recht wie der Wahlkreis und die Parteiorganisation. Das bedeutet aber, daß ich in Hamburg kaum zur Besinnung komme. Obwohl der Buß- und Bettag die Woche um einen Arbeitstag kürzt, muß ich achtmal auftreten; Versammlungen, Besprechungen, der Landesparteitag der SPD. Damit sind wieder alle Abende und viele Nachmittage blockiert. Wenn ich im Hause bin, gelingt es nur mit Schwierigkeiten, Zeit für Arbeit freizuhalten.

Jetzt erhalte ich auch wieder in wachsender Zahl Briefe von Bürgern, die in Schwierigkeiten sind. Doch selten kann ich helfen. Wenn diese armen Menschen alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, kommen sie mit umfangreichen Akten zum Abgeordneten und erwarten von ihm Wunder. Meistens ist dann sowieso nichts mehr zu machen. Aber auch in anderen Fällen offenbart sich erst an dieser Stelle die relative Machtlosigkeit des MdB. Wir sind doch kaum in der Lage, den Inhalt der uns überreichten Vorgänge bis zum letzten Detail zu bewerten und zu beurteilen. Unseren von der Fraktion oder vom Bundestag bezahlten Assistenten geht es kaum anders. Insofern bleibt uns doch nichts anderes übrig, als uns um Stellungnahme an das jeweilige Ministerium zu wenden und damit diejenigen einen Vorfall beurteilen zu lassen, die mit ihm direkt oder indirekt verbunden sind. Die wichtige Kontrollfunktion des Parlaments gegenüber der Bürokratie wird immer schwieriger, aber auch immer notwendiger. Die Parlamentsreform muß hier Lösungen finden.

9. Woche (23. 11.–29. 11. 1969)

Meine Übermüdung nimmt von Tag zu Tag zu. Tagsüber gibt es keinen Moment der Ruhe. Meistens sind wir bis tief in die Nacht hinein betriebsam. Manchmal fühle ich mich schon uralt und abgewirtschaftet. Schrecklich ist das Gesaufe. Am Dienstag abend haben wir nach einem Abendessen in der Bremer Vertretung – Grünkohl mit Pinkel – bis etwa 1.00 Uhr getagt. Es geht aber auch nicht ohne diese sehr netten menschlichen Kontakte. Sie sind wichtig für den Austausch von Sachinformationen und die Regelung persönlicher Probleme. Wenn man doch am nächsten Tag nicht so zerschlagen wäre –!

Es ist fast nicht möglich, das Leben und die Funktion eines Abgeordneten dem interessierten Bürger deutlich zu machen. In dieser Woche war das „Haus Rissen“ wieder einmal mit einer durchaus politischen Besuchergruppe bei uns im Bundeshaus. Sie fragen und fragen, wir antworten und antworten, und dennoch verstehen sie nicht, wie wir leben, welche Probleme wir haben. Wie sollten sie auch? Denn unser Leben hat beruflich wie familiär nichts mit dem ihrigen zu tun. Wenn ich, wie in dieser Woche, an 19 Sitzungen teilnehmen muß, ohne daß ich sichtbare Ergebnisse vorweisen kann, und viele Sitzungen in der Tat überflüssig und deshalb ergebnislos sind, dann ist das zuweilen schon eine merkwürdige unproduktive Produktivität.

15. Woche (4.1.–10.1.1970)