Von Dieter Buhl

Speiste heute mit...", "Hatte heute Lunch mit..." – so beginnen viele der Tagebuchaufzeichnungen Cyrus L. Sulzbergers. Aber die wiederholten Hinweise auf exquisite Mahlzeiten täuschen. Es handelt sich nicht um die Memoiren eines Gourmets (obwohl Sulzberger dieser Kategorie ohne Zweifel zuzurechnen ist), sondern um die Erinnerungen eines "Augenzeugen der Weltgeschichte", der viele seiner besten Informationen bei Tische sammelte. In seinem Buch

"Auf schmalen Straßen durch die Nacht"; aus dem Amerikanischen von Hansheinz Werner; Verlag Fritz Molden, Wien-München 1972; 607 Seiten, 36,– DM.

berichtet der amerikanische Publizist darüber, wie er zwischen 1934 und 1954 als Korrespondent von United Press und später als Leiter des Auslandsdienstes der New York Times die Brennpunkte und die Hauptakteure der Weltpolitik beobachtete.

Sulzberger verlegt sich dabei nicht auf aufwendige Reportagen. Er registriert seine Eindrücke in unsentimentalen, ja mitunter lapidaren Aufzeichnungen. Doch gerade die Nüchternheit, mit der Ereignisse wie der Zusammenbruch der Tschechoslowakei, der Krieg in der Sowjetunion, die Niederlage Deutschlands und die großen Nachkriegskonferenzen abgehandelt werden, verleihen den Aufzeichnungen Authentizität. Sulzbergers Gespräche mit den Großen jener Zeit – von Adenauer bis Eisenhower und von Churchill bis de Gaulle – sind eine Fundgrube auch für den Historiker.

Die Karriere dieses Journalisten begann auf dem Balkan, eine Gegend, in die es ihn auch später immer wieder hinzog. Doch die Berichte des jungen Reporters über die Wirren in den südosteuropäischen Ländern während der späten dreißiger Jahre bestechen eher durch exotisch anmutende Episoden als durch gründliche politische Analysen – dazu waren die Verhältnisse wohl auch zu verworren. In jugendlicher Unbekümmertheit schrieb er selbst noch seine Berichte von der sowjetischen Front im Sommer 1941; erhöhter Alkoholkonsum dünkte ihn eine größere Gefahr für sein Leben als die Geschosse der Deutschen. Den Ernst des Krieges lernte er bald darauf kennen: bei der Flucht aus Moskau.

Ein paar Jahre später erlebte Sulzberger in der sowjetischen Hauptstadt einen seiner größten journalistischen Triumphe. Bei der Außenministerkonferenz im März 1947 führte ihn ein Mitglied der französischen Delegation in einen Raum, in dem sämtliche Geheimdokumente der Konferenz aufbewahrt wurden. Er durfte unter den Papieren auswählen– Reporterglück. Danach konnte er die Leser der New York Times tagelang mit Exklusivberichten über den ersten Entwurf des österreichischen Friedensvertrages, über den Vertragsentwurf zur Triest-Frage und mit Einzelheiten aus Dokumenten über die Zukunft Japans und Deutschlands informieren.