Das Zusammentreffen schien verdächtig. Ende August trafen sich Italiens Außenminister Guiseppe Medici und sein bundesdeutscher Kollege Walter Scheel am Rande des olympischen Geschehens in München – der sportliche Kampf um goldene Medaillen war im vollen Gange. Und schon witterten italienische Journalisten, nun hätte auch der politische Kampf um Italiens Entscheidung zwischen dem deutschen Farbfernsehsystem PAL und Frankreichs Secam einen neuen Höhepunkt erreicht.

Prompt kam das Dementi aus Rom: Von deutschen Angeboten für den Fall einer italienischen Entscheidung zugunsten von PAL könne nicht die Rede sein. Die Spekulationen veranlaßten schließlich auch Bonn, seine Zurückhaltung in dieser Frage zu vergessen. Detlev Karsten Rohwedder, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium: Man könne technische und wirtschaftliche Fragen nicht durch massive politische Interventionen in den Hintergrund drängen. Italiens Entscheidung sei somit „ein bedeutender Testfall für die beginnende europäische Industriepolitik“.

Italiens Fernsehvotum ist dennoch in: politisches Geplänkel: geraten – dank der jahrelangen Entschlußlosigkeit der römischen Regierung und der französischen Lockungen. Paris winkte mit politischen Zugeständnissen in den mediteranen Partner. Während Italiens Fernsehindustrie, der Handel und die staatliche Rundfunkgesellschaft RAI längst auf PAL geschaltet haben, möchte die Regierung eine endgültige Entscheidung deshalb immer noch nicht treffen.

So konnte der Besuch des französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou Ende Juli neue Spekulationen entfachen. Die italienische Regierung, konnte sich danach immer noch nicht entscheiden. Sie verkündete, daß die bessere Technik den Ausschlag geben solle. Schiedsrichter sollten die italienischen Fernsehzuschauer selbst sein. Das oylmpische Geschehen aus München wurde den Südländern deshalb abwechselnd in PAL und in Secam präsentiert.

Dieser Entschluß geriet dennoch ins Zwielicht. Denn kurz nach der Pompidou-Visite kursierte in Italien das Gerücht, daß der Franzose handfeste Versprechen am Tiber hinterlassen habe:

  • Eine gemeinsame französisch-italienische Mittelmeerachse und Zusammenarbeit mit den arabischen Ländern;
  • Unterstützung der italienischen Wünsche innerhalb der EWG auf den Gebieten Landwirtschaft, Regional- und Währungspolitik;
  • die Beteiligung an der Gesellschaft „Intersecam“, die das TV-System in der ganzen Welt vertreibt.

Trotz der sofortigen Dementis aus Rom und Paris mag niemand an der politischen Einflußnahme der Franzosen zweifeln. Dennoch hoffen Bonn und der PAL-Lizenzgeber AEG/Telefunken auf die Rationalität der Lateiner. Wie diese Entscheidung ausfallen muß, wußte auch Staatssekretär Rohwedder: „Die wirtschaftlichen Vorteile neben der besseren Technik sprechen für das deutsche System.“ Tatsächlich haben sich bereits 20 Staaten mit 70 Millionen potentiellen Farbfernsehkäufern für das deutsche System entschieden. Für Secam stehen bislang nur Frankreich und die Ostblockländer zu Buche.

Wenn Rom für Secam votiert, hat Italiens Fernsehindustrie einiges zu verlieren. Sie könnte dann nämlich keine PAL-Geräte mehr für die großen westeuropäischen Märkte liefern. AEG/Telefunken vergibt die PAL.-Lizenz für die Herstellung der Geräte nur an Länder, die sich für das deutsche System entschieden haben. gf