In besonderen Indoktrinationslagern wurden polnische Besucher der Olympischen Spiele vor ihrer Reise von Geheimdienstlern und Ideologen präpariert. Um ganz sicherzugehen, veröffentlichte das Polnische Olympische Komitee unter dem Titel „Informationssammlung über die Bundesrepublik“ zusätzlich noch eine Propagandabroschüre von rund 50 Seiten Länge. Sie wurde allen polnischen Olympiateilnehmern und aus Polen hergereisten Sportfans zur „internen Verwendung“ in die Hand gedrückt, als Leitfaden, um „in Gesprächen und Diskussionen die Propaganda der westdeutschen Seite kontern“ zu können.

Die Schrift bemüht sich zurück ins 14. Jahrhundert, als „die Ordensritter in ihrem Drang zum Meer auf rechtlichen und widerrechtlichen Wegen die polnischen Gebiete eroberten“. Sie endet im Jahre 1972, in dem „der deutsche Imperialismus schon zu schwach ist, um auf eigene Faust irgend etwas gegen Polen zu unternehmen“.

In Argumentation und Tonfall unterscheidet sich das Pamphlet nur wenig von ähnlichen Druckerzeugnissen aus der Ära des kalten Krieges und zeugt von unbewältigten polnischen Entspannungsängsten. Kein Wunder: Der Verfasser, Edmund Meclewski, ein Warschauer Journalist, gehört zu jener nationalistischen und antisemitischen Moczar-Clique, die den Vertrag mit Bonn und die Versöhnung mit der Bundesrepublik sabotieren möchte.

Sogar das Grundgesetz der Bundesrepublik sei, so heißt es in der polnischen Propagandaschrift, vor allem wegen des Anspruchs auf Alleinvertretung, „restlos revisionistisch“. Ebenso der Anspruch auf Wiedervereinigung: „Schon allein in der Formel Wiedervereinigung’ ist klar und deutlich der revisionistische Gedanke enthalten. Wiedervereinigen – also in der alten Gestalt, auf den alten Grundlagen.“

Scharf kritisiert wird die in der Bundesrepublik betriebene Ostforschung („Überbleibsel aus den Zeiten des kalten Krieges und des offiziellen Revisionismus“) und die Schulerziehung der Jugend: „Die überwiegende Mehrheit der Lehrer aus der Nazizeit ist in ihrem Beruf geblieben, und sie erzieht nach wie vor die Kinder und die Jugend in der Bundesrepublik ...“ Weiter heißt es: „Der Schulunterricht wird im Geiste des Revisionismus und des Antikommunismus geführt.“

Konkrete Forderungen beginnen mit dem Kapitel 5: „Die deutschen Faschisten haben 6 000 028 Polen ermordet, 38 Prozent des polnischen Nationaleigentums ist vernichtet worden. Dem ganzen polnischen Volk wurden Leiden zugefügt, deren. Ausmaß in der Geschichte beispiellos, ist. Dennoch hat Polen bislang – wohl als einziges unter den Opfern der Nazi-Aggression – die ihm zustehende Entschädigung nicht bekommen. Es wurden bisher seitens der Bundesrepublik keine Schritte unternommen, die auf ein Entgegenkommen in dieser Frage schließen lassen.“

Scharf verurteilt wird die bundesrepublikanische Gesetzgebung: „Als Überbleibsel aus den Zeiten des kalten Krieges und der Politik des offiziellen Revisionismus gilt in der Bundesrepublik eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen, die mit dem Buchstaben und mit dem Geist des Vertrages vom 7. Dezember 1970 unvereinbar sind“ (als Hauptbeispiele werden der Artikel 116 des Grundgesetzes – über die deutsche Staatsangehörigkeit – und das „Vertriebenengesetz“ zitiert sowie das Urteil des Verfassungsgerichts vom 4. Mai 1955, das denBegriff Deutschland im Rahmen der Grenzen vom 31. Dezember 1937 auslegt).