Mit einer Serie von Remis-Spielen ging die Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik zu Ende, ehe Ex-Weltmeister Spasskij am Freitag vergangener Woche in der 21. Partie aufgab. Als neuer Weltmeister – mit 7 Siegen, 3 Niederlagen (davon 1 durch Nichterscheinen) und 11 Unentschieden – brach der Amerikaner Bobby Fischer ein in die starke Stellung, die die sowjetischen Großmeister fast ein halbes Jahrhundert lang hatten halten können.

Trotz allen Überraschungen und Aufregungen fiel das Endergebnis mit 12 1/2 : 8 1/2 übrigens exakt so aus, wie es die Experten vorausgesagt hatten. Damit wäre eigentlich die vielgedruckte Behauptung widerlegt, Boris Spasskij habe „unter Form“ gespielt. Gewiß hat er „Fehler“ gemacht – wobei freilich gut Fehler entdecken kann, wer den Ausklang einer Partie schon kennt. Auch beim Schach ist man hinterher immer klüger. Fehler passieren unter dem psychischen Druck einer Weltmeisterschaft häufiger als bei ruhigeren Turnieren. Auch Fischer machte offensichtliche (hinterher offensichtliche!) Fehler, vor allem in der 1. und in der 11. Partie.

Der Gesamtverlauf in einer Nußschale: das war die 13. Partie. Fischer startete einen grandiosen Angriff; Spasskij, nach Meinung auch der Großmeister schon geschlagen, konterte überraschend und höchst wirkungsvoll, gewann deutlich Vorteile – und konnte sie dann doch nicht halten. Wir wollen eine kurze Endspielstudie aus dieser Partie, und ein Interview mit dem Weltmeisterschafts-Schiedsrichter Lothar Schmid, im nächsten ZElT-magazin bringen.

Die 7. und 11. Partie hatten wir im Feuilleton der ZEIT Nr. 33/72 abgedruckt. Dabei sind leider zwei Fehler unterlaufen, auf die hier für die Nachspieler, die es nicht selber gemerkt haben, noch einmal hingewiesen sei:

im 15. Zug der 7. Partie greift Spasskij nicht mit dem Springer an, sondern, wie der Nachspieler ja sehen konnte, mit dem Läufer;

im 22. Zug der 11. Partie kann keine Figur von c6 nach c5 ziehen, da auf c6 ja gar keine Figur steht – es sollte heißen b6 – b5.

Schachpartien müssen ein Alptraum sein für jeden Setzer und Korrektor. Druckfehler könnten ja nur dann entdeckt werden, wenn während des Setzens oder Korrigierens die Partie nachgespielt würde. Das aber ist in Zeitungsdruckereien und -korrekturen nicht üblich (und natürlich auch nicht möglich). Von vornherein erschwerend kam hinzu, daß dieser Bericht, wenn er überhaupt erscheinen sollte, telephonisch durchgegeben werden mußte: es drohten Schreibfehler, Sprechfehler, Hörfehler und Setzfehler. Zwei von ihnen machten ihre Drohung wahr; wir bitten um Entschuldigung.

Noch ehe das Jahr zu Ende geht, sollen die Weltmeisterschaftspartien als Buch gedruckt erscheinen. Wir werden unsere Leser darauf hinweisen, wenn es so weit ist. Das Buch dürfte zeigen, daß Bobby Fischer keineswegs nur ein Showman und ein Querulant ist (womit er übrigens dem Weltinteresse am Schachspiel gar keinen schlechten Dienst erwiesen hat), sondern ein wahrhaft überlegener Weltmeister, dessen Antwort auf die Frage, was er von Spasskij halte, nicht so sehr großsprecherisch, sondern eigentlich eher freundlich und vermutlich ganz wahr ist: „Er ist der zweitbeste Schachspieler der Welt.“