Von Hellmuth Karasek

Die hundertste Straße an der Eastside, zwischen erster und zweiter Avenue, sieht so aus, wie Slums aussehen in New York. Eine Straßenseite besteht aus schmuddlig roten Häusern, deren Häßlichkeit durch Feuerleitern verhakt ist; unten, vor den Eingängen wimmelt es von Kindern, alten Frauen, Halbwüchsigen; viele Fenster sind blind, mit Pappe halbverdeckt oder mit schwarz aufgerissenen Fensterlöchern; die Kästen der Klimaanlagen, die in anderen, besseren Straßen gegen die Augusthitze ankämpfen, fehlen. Aus einem Hydranten spritzt Wasser, unter das sich am späten Nachmittag Kinder, drängen; es bildet brühige Pfützen, in denen Papierfetzen und anderer Abfall herumschwimmt. Die andere Straßenseite gibt es nicht mehr. Wo früher eine Häuserfront war, dehnt sich ein Trümmerfeld aus Rost, Müll und Ziegelschutt – hier bilden sich Kinder in den für sie hoffnungslosen Geländespielen des Lebens aus.

Der Lastwagen, der in diese Straße gekommen ist, bildet sicher die erste Bühne, mit der die Bewohner am Gettorand von Harlem konfrontiert werden. „Teatro Orilla“ (Theater vom Flußufer) steht in plakativer Unbeholfenheit an seiner Seitenwand, die von einem schmalen Bühnensteg umlaufen wird. Die Truppe besteht aus Puertoricanern, die dem kleinen Häufchen der Zuschauer auf spanisch kommen. Bevor das Spiel beginnt, erobern Kinder die Bühne, vollführen auf ihr übermütige Tanzbewegungen oder zeigen eindeutige Sexualgesten mit Knüppeln und Stöcken.

Ein wenig mulmig ist es einem als Zuschauer schon, wenn man diese Mischung aus Fämiliennachmittag und Bandenspiel sieht: Während sich ältere Frauen wacklige Stühle auf die Straße bringen, während Kinder mich umringen und meine Streichhölzer haben wollen, um dann ein ganzes Heft auf einmal anzuzünden, stehen dazwischen Sechzehn- bis Zwanzigjährige, von denen jeder einen Schlagstock in der Hand hat.

Aber das Theater macht aus allen Kinder: ein dankbareres, naiver sich mit den groben und laienhaften Aktionen identifizierendes Publikum habe ich nie erlebt. Sozialer Ernst und die Freude von Kasperletheater mischen sich. Am Anfang gehen ein paar Zuschauer murrend weg: Sie verstehen das Spanische nicht. Die, die bleiben, johlen freudig, wenn ein Polizist einen Mörder um den-Lastwagen jagt, wenn ein pummeliges Mädchen Suff und weibliche Eitelkeit spielt. Eine alte Frau bekommt ein verklärtes Gesicht, wenn ein Sänger zur Gitarre von einer schöneren Zukunft singt.

Die kleinen, groben Szenen handeln spielend vom Alltag der Gettos. Von Arbeitslosigkeit und Schlägereien, von der absurden Hoffnung, ein Star (hier: ein Malermodell) zu werden, von der Gefahr der Drogen, von der Unübersichtlichkeit der Streckenpläne für die subway. Theater also, das versucht, eine aufklärende Schneise in das Elend der Slums zu schlagen, und dafür von der Stadtverwaltung dürftig unterstützt wird. Theater, dessen Armut kein „Programm“ ist und dessen überkugelnde Naivität keinen theoretischen Verfremdungsüberlegungen entspringt. Es ist frei von dem penetranten Geruch der Wohltätigkeitssuppen, weil deutlich zu sehen ist, wie das Spiel seinen Akteuren und seinen Zuschauern dazu dient, sich der eigenen Lage mit agitatorischer Objektivität zu konfrontieren: Puertoricaner, die den Schwarzen etwa in einem bitteren Dialog vorführen, wie es für sie noch weitaus schwerer ist, Arbeit zu finden! weil ihnen noch keine Woge des schlechten Gewissens hilft.

Daß New York, sieht man von den Klötzen im Zentrum Manhattans ab, keine amerikanische Stadt ist, sondern aus durcheinandergewürfelten Vierteln italienischer, spanischer, jüdischer, schwarzer und sonstiger Städte besteht, die alle ihre „folkloristischen“ Eigenarten gegen die einförmige Quader- und Feuerleiter-Architektur zu behaupten suchen, kann man sich in jedem Augenblick klarmachen, ob man durch Brooklyn oder die Bronx läuft und nach einem Straßenblock, in dem Fähnchengirlanden ein italienisches Sommerfest andeuten, in einen anderen gerät, wo Unmengen von knallbuntem Zuckerguß, auf Torten mit den billigen Drucken prärafaelitischer Heiliger wetteifern und ein niedriges Haus den klangvollen Namen einer Kirche trägt, der eher einer spanischen Kathedrale zukäme. Selbst im Zentrum, beim Times Square, gibt es in der Nacht nur eine afro-amerikanische Großstadt: Hier drängen sich Schlangen vor den Kinos, in denen schwarze Superhelden für alle Wunschträume der Gettobewohner diese zur Kasse bitten: „Superfly“ oder „Slaughter“ heißen die Hits, und die Musik von Superfly, einem Rauschgifthändlerkönig, der sich mit einem umgehängten Kruzifix Kokain in die Nasenflügel schaufelt, um am Schluß einer korrupten weißen Polizei zu zeigen, was eine Harke ist, dröhnt aus jeder zweiten Musikbox.