Nach seiner siebenten Goldmedaille war Mark Spitz plötzlich in den Hintergrund getreten. Rick Demont, ein 16jähriger Schüler im US-Team, hätte dem Superstar der Olympischen Spiele nicht etwa die Schau gestohlen, er geriet einfach ins Kreuzfeuer medizinischwissenschaftlicher Meinungen und Urteile, die auf ungewolltes Doping hinausliefen. Der amerikanische Hausarzt des 1500-m-Weltrekordlers hatte seinem jungen Patienten wegen eines seit längerer Zeit bestehenden Asthmaleidens Medikamente mit nach München gegeben, die Ephydrin enthalten. Da dieses kreislaufstärkende Mittel im IOC unter Doping geführt wird, bleibt den Verantwortlichen wohl kaum etwas anderes übrig, als von Rick Demont die gewonnene Goldmedaille (400-m-Freistil) zurückzufordern und sie an Bradford Cooper, Australien, weiterzureichen.

In der Gesamtbilanz der olympischen Schwimmwettbewerbe ergäbe das nur unmaßgebliche Korrekturen. So oder so haben die USA mehr als die Hälfte aller Goldmedaillen auf ihr Konto buchen können. Mit dem 22jährigen Mark Spitz stellten sie überdies den herausragenden Athleten der Münchener Spiele. In diesen Tagen ist der Student der Zahnmedizin aus Kalifornien dabei, alle Angebote zu sichten und Geschäftsverhandlungen über seine Zukunft zu führen. „Mit dem Studium werde ich auf jeden Fall ein Jahr lang aussetzen. Was ich tun werde, vermag ich im Augenblick nicht zu sagen. Zunächst bin ich glücklich, daß mir so viele Erfolge gelungen sind. Doch an den sieben Goldmedaillen haben auch eine Reihe von Mitgliedern unseres Teams wesentlichen Anteil.“

Mark Spitz hat sich gewandelt seit 1968. Sogar diejenigen, die ihn als Outsider mit Star-Allüren bezeichneten, revidierten ihre Ansicht in München. Ein ausgeprägtes Gefühl für das Wasser, instinktives Vermeiden störender Bewegungen während des Wettkampfes und eine hohe Reaktionsfähigkeit sind die besonderen Merkmale dieses Super-Schwimmers. Der Weg zum absoluten Triumph freilich war steinig und ungleich härter, als Außenstehende ahnen können.

Das Pendant zu Spitz heißt Shane Gould, Australien. Sie gewann fünf Medaillen, davon drei in Gold. Obwohl erst fünfzehn Jahre alt, ist sie heute schon eine Persönlichkeit. Sie hat vor, auch in vier Jahren in Montreal wieder zu starten – und zu siegen.

Die ungeahnte Flut von Rekorden konnten nur Statistiker registrieren: 34 Weltrekorde, 84 olympische Rekorde, 40 Europarekorde und mehr als 300 Landesrekorde. Das sind Zahlen; die nicht leicht zu fassen sind und selbst Experten beeindrucken. Sicherlich haben auch die modernsten Einrichtungen im Schwimmbad zu dieser enormen Leistungssteigerung beigetragen. Letzten Endes jedoch ist die Summe der Resultate Ausdruck gewaltiger Anstrengungen der großen Schwimmnationen, allen voran natürlich der USA, Australiens und der DDR.

Die Mannschaft der Bundesrepublik stützte sich in ihren Medaillenhoffnungen wesentlich auf Hans Faßnacht. Doch der ehemalige zweifache Weltrekordler geriet vor Olympia völlig außer Form und erreichte in zwei Wettbewerben nicht einmal das Finale. Die Silbermedaille als Mitglied der 4 x 200-m-Staffel ist kein Trost für sein Debakel. Um so höher sind die drei Bronzemedaillen durch Werner Lampe (200-m-Freistil) und die Damen-Staffeln einzuschätzen. Nicht minder herausstellen muß man die erfreuliche Phalanx junger Talente, die sich für die Endläufe qualifizierten. Dreißig Landesrekorde sind schließlich nicht das Zeugnis einer Pleite.

Im Springen schaffte nur Norbert Huda die Teilnahme am Finale (8. Platz). Unerwartete Leistungen erreichten auch die deutschen Wasserballspieler. – In der Endrunde belegten sie zwar

den vierten. Rang, konnten aber im Verlauf des Turniers gegen die Medaillengewinner Ungarn und USA sowie gegen den zweimaligen Olympiasieger Italien je ein Remis erzielen. Die Zukunft also scheint weder da noch dort verbaut zu sein. Harry Valerien