Von Heidi Dürr

Bis vor wenigen Jahren gab es in deutschen Unternehmen einen kuriosen Brauch: Der Bundespräsident verlieh allen Arbeitnehmern, die 50 Jahre lang einem Betrieb „die Treue gehalten“ hatten, das Bundesverdienstkreuz. Doch solche Ordenflut stieß auf zwiespältige Reaktionen: Die einen sahen darin eine verdiente Anerkennung für Betriebstreue, die anderen eine Prämie für unzeitgemäßes Verhalten.

Erst 1967 wurde die automatische Auszeichnung abgeschafft. Doch die Diskussion, schon seit langem in Unternehmen und Universitäten, in Management-Kursen und Aufstiegsbrevieren geführt, hält an: Welcher Karriere-Weg ist schneller, die Ochsentour oder das Job-Hopping? Wie kommt man schneller an die Schaltstellen der Wirtschaft, durch Hochdienen im selben Betrieb oder durch gezielten Wechsel von einem Unternehmen zum nächsten?

Eine allgemeingültige Antwort ist bisher nicht gefunden worden. Sie existiert wohl auch nicht, weil es keine normierten Karriere-Gesetze gibt. Die Karriere-Muster, denen sich der Erfolgreiche anpassen muß, wechseln von Beruf zu Beruf und von Betrieb zu Betrieb. Eines freilich gilt für alle: Wer auf den Gipfel will, tut gut daran, sich genau über die in seiner Branche üblichen Bergsteiger-Pfade zu informieren.

Gutes Anschauungsmaterial bieten die Lebensläufe der Top-Leute im eigenen und in vergleichbaren Unternehmen. Wenn die Mehrzahl der Spitzenmanager im eigenen Betrieb aufgestiegen ist, spricht vieles für die Ochsentour; wenn Direktoren- und Vorstandsposten in der Regel ausgeschrieben werden, empfiehlt es sich, zunächst die Karriereleiter in anderen Firmen weiter nach oben zu klettern.

Allerdings muß auch hier differenziert werden: Alter und Ausbildung der Erfolgsvorbilder spielen eine ebenso große Rolle wie ihr Tätigkeitsfeld. So muß in einem Unternehmen nicht für alle Arbeitsbereiche dasselbe Karriere-Muster gelten. Von Technikern und Finanzexperten beispielsweise kann die Ochsentour gewünscht werden, während die führenden Marketing-Leute normalerweise von draußen kommen. Ein Karriere-Aspirant sollte sich deshalb hauptsächlich an den Erfolgreichen seiner eigenen Berufssparte ausrichten.

Eine genaue Analyse der Lebensläufe fördert zuweilen Fakten zutage, die weitverbreiteten Meinungen widersprechen. Häufig zum Beispiel wird die These vertreten, daß in den Konzernen mit ihren modernen Management-Praktiken Mobilität Trumpf sei. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Eine Untersuchung des Wirtschaftsmagazins Capital hat das erst jüngst wieder gezeigt: 80 Prozent der Spitzenposten in zehn der größten deutschen Unternehmen sind mit Männern besetzt, die ihre Karriere im selben Hause gemacht haben. Bei einigen Unternehmen ist sogar der gesamte Vorstand „hausgemacht“: etwa bei der BASF und bei Bayer, bei Esso und der Gutehoffnungshütte.