Die Hauptschuld an der Zerstörung der Weimarer Republik und damit am Sieg des Nationalsozialismus trage der Radikalismus von rechts und von links – so etwa lautete der deutschen Nachkriegsgeschichtsschreibung kurzgefaßte Schulbuchweisheit. Im Zusammenhang mit Stichworten wie Reparationen, Weltwirtschaftskrise, sechs Millionen Arbeitslose wurde sie den Jüngeren in die Lesebücher geschrieben und von den Älteren gern geglaubt. Gerade das in der Adenauer-Ära sich restituierende Bürgertum nahm die Lehre an, zumal sie nicht nur überzeugend, sondern auch dem Verdrängen eigenen Versagens dienlich schien. Die Frage, ob nicht die sogenannten bürgerlichen Parteien mehr zum Untergang der Republik beitrugen als Rechts- und Linksradikalismus, wurde kaum gestellt. Exemplarisch beantwortet wird sie in:

Martin Schumacher: „Mittelstandsfront und Republik. Die Wirtschaftspartei (Reichspartei des deutschen Mittelstandes) 1919–1933“; Droste Verlag, Düsseldorf 1972; 271 Seiten, 54,– DM.

Die „Wirtschaftspartei“ war eine der beständigsten und auch einflußreichsten parlamentarischen Splittergruppen. Mit zweijähriger Verspätung in das politische Kräftespiel der Republik eingetreten, gewann sie in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ihre Bedeutung als „Zünglein an der Waage“, obwohl sie bei den Wählerstimmen im Reichsdurchschnitt stets unter der Fünf-Prozent-Grenze blieb. Während sich das Programm in den ersten Jahren auf wirtschaftliche Forderungen beschränkte, gewann die Partei nach und nach eine eigene Weltanschauung. Die Namensänderung in „Reichspartei des deutschen Mittelstandes“ markierte 1925 den Wendepunkt: der deutsche Mittelstand hatte gleichsam „Klassenbewußtsein“ entwickelt.

Gleichzeitig kultivierte die Partei eine Standes- und Parteisymbolik, die zunächst nur wenig in das Bild einer Interessenpartei zu passen schien, aber im Rahmen einer Mittelstands-„Bewegung“ ihre Bedeutung hatte und die Richtung der Partei im faschistischen Vorfeld anzeigte. Symbol des „erwachenden“ Mittelstandes war das Parteibanner Schwarz-Grün-Gold, und die Parteijugend trug auf dem Brustband das Zeichen des rollenden Rades, in dessen Speichen vier markige Jünglingsarme griffen.

So sehr sich die Partei auch um eine eigene Ideologie bemühte, haftete ihr doch das Schimpfwort „Interessentenhaufen“ an. Es war jedoch nicht die Interessenbindung schlechthin, wodurch sich die Wirtschaftspartei von den anderen Weimarer Parteien unterschied, sondern die Offenheit und Intensität dieser Bindung. Besonders der Haus- und Grundbesitz sorgte innerhalb der Partei für die totale Verflechtung von Partei- und Verbandspolitik.

Ihre Stellung als Zünglein an der Waage nutzte die Partei im Frühjahr 1930 nach dem Sturz der Großen Koalition: Sie beteiligte sich an der Regierung. Hermann Drewitz, der Führer der Wirtschaftspartei, präsentierte Brüning am 27. März den Rechtsprofessor Joh. Victor Bredt als Ministerkandidaten. Schon am nächsten Morgen bot Brüning Bredt das Reichsministerium der Justiz an. Es war der letzte Parlamentarier an der Spitze dieses Ministeriums. Der Ausgang der Septemberwahl und innerparteiliche Streitigkeiten veranlaßten die Parteiführung im November – unter klarem Mißbrauch der parlamentarischen Regeln –, Bredt aus dem Kabinett zurückzuziehen. Die Verantwortungslosigkeit und der grenzenlose Opportunismus dieser Partei haben das Schicksal der Regierung Brüning in der dramatischen Endphase der Weimarer Republik entscheidend beeinflußt.

Das Berliner Tageblatt vom 26. November 1930 erkannte im Verhalten der Wirtschaftspartei ein Indiz für das, was es für die Geschichte Weimars in die Erinnerung zurückzurufen gilt, „daß die eigentliche Gefahr der politischen Lage nicht bei den Radikalen rechts und links, sondern bei der Verblendung, der Selbstsucht und der Urteilslosigkeit sogenannter ,bürgerlicher‘ Parteien zu suchen ist“.