Von Manfred Sack

Glaubt es doch endlich: "NEIN, es gibt keine Luftballons. Nur wenn sie unterfallen." Letzte Möglichkeit sich der unzähligen Leute zu erwehren, die haben wollen, was über ihnen hängt, nämlich einen dieser extragroßen weißen Luftballons, die eine ständig sich bewegende, in jedem Luftzug sich verändernde Wolke bilden und die Konkurrenz zur pompösen, teuren, langweiligen Wasserwolke des Künstlers Mack im See nebenan mit Bravour besten. Der Ballonhimmel, pointiert durch ein paar blaue Exemplare, schwebt über der olympischen "Spielstraße", nach den Vorstellungen ihres Erfinders, des Essener Theaterarchitekten Werner Ruhnau, ein kontrastierender und ergänzender Beitrag zu den olympischen Sport-Spielen", die, nicht wahr, nicht mehr so ganz spielerisch vonstatten gehen.

Manchmal verirrt sich eine Lautsprecherstimme von den Zeltdacharenen am anderen Seeufer herüber: "... neuer olympischer Rekord", brausender Beifall. Aber sonst ist hier von Kämpfen nichts zu bemerken. Fährboote kreuzen gemächlich den See, seltsam komponierte Kaugummidüfte streichen einem um die Nase, etwas Synthesizer-Bach erreicht die Ohren. Und ringsum auffallend entspannte Mitmenschen. Man bewegt sich gelassen, fühlt sich heiter. Gleichwohl verraten viele Gesichter von Passanten, daß man sich an derlei Amüsements erst noch gewöhnen muß. "Spielstraße", sagt Ruhnau, "muß man lernen."

Etwa an die Späße des Künstlers Timm Ulrich, der im Käfig einer Tretmühle "schon mal fünf Kilometer an einem Tag" auf dem Fleck getreten ist ("Ah, trimm dich ist das" – "Des is a Training für a Kleinstwohnung" – "Los, dreh amol weiter" – "Do schau, er lacht wieder"), Oder sie rätseln über zwei pfiffig und würdig dreinschauende Japaner und ihre Ikebana-Übungen. Oder sie stoppen an einem hohen Podest und hören verstört einem Quintett aus Flöte, Oboe, Gitarre, Blockflöte, Geräuschkeulen zu, das ihnen den Rücken zukehrt und ohne Noten dreiklanglose Musik produziert und dabei den beschwörenden Gesten eines vor Verstärkern hockenden Dirigenten folgt.

Dies und noch sehr viel mehr trägt sich vor allem an vier Stellen zu: auf der "Meidenstraße", einer Strecke mit Gelegenheiten, selber etwas anzustellen; auf den "Showterrassen", einer anmutig an den Hügel applizierten Holzbühne, wo Theater, Musik, "Aktion" gemach: wird; auf der "Budenhalbinsel" am See, wo bildende Künstler im Angesicht des Volkes bilden; und gegenüber am anderen Ufer, direkt zu Füßen des Schwimmstadions, das "Theatron", ein steiles Amphitheater, dessen Bau geradezu Konzentration erzwingt.

Zu den Prinzipien der Spielstraße gehöret erstens Simultaneität, zweitens Programmzufälligkeit. Das zweite war schon nach einer Woche abgeschafft und wohl zu Recht, denn manche Leute, die nicht viel Zeit haben, wollen gern wissen, wo wann was los ist. Das erste blieb – mit allen seinen Gebrechen wie der Unverbindlichkeit ausschnitthafter Erlebnisse. Die Vielfalt lädt ja dazu ein, die Kurzweil da zu suchen, wo sie am wenigsten anstrengend ist. So heftete sich auch kaum jemand an die Fersen der enragierten Berliner Mixed Media Company, die auf einer "Prozession mit dem Müllwagen der Geschichte" rund um den See vorführt, wie die Olympischen Spiele aus der Degeneration durch "Kapital, Militär, Politik" nach einem allerletzten schrecklichen Krieg im Jahre 2000 in die keimfreien Höhen reiner Menschlichkeit gerettet werden. Die meisten Darstellungen der sieben internationalen Straßentheater ereignen sich stationär. Und bisweilen waren da hinreißende Interpretationen zur Geschichte der Olympischen Spiele zu sehen.

Daneben treten auf: Folksinger, Jongleure, Zauberer, Imitatoren, Clowns, Akrobaten, Pantomimen. Zu sehen und zu hören sind: multimediale und multivisionäre Vorführungen. Beobachten kann man: Künstler, Kunst verfertigend: der Londoner Adzak machte Negativabdrücke von Sportbällen und Körperteilen, um "die großen olympischen Champions unsterblich zu machen"; der Italiener Maro Ceroli schmirgelte an einem hohlen Holzpfeiler, dessen Laubsägelöcher "einige der 5000 olympischen Tauben" darstellen; nebenan malte fleißig und korrekt Fritz Genkinger an den riesigen Spikes eines Hürdenläufers; der Künstler Herzfeld, in gepflegt-legerem Künstlerhabit mit großem schwarzem Schlapphut Sportlermedaillen aus gehärtetem Blei produzierend, verweist Frager nach dem Preis tüchtig an seinen Galeristen – "aber Wenn Sie jetzt sagen, hier sind tausend Mark, würde ich Ihnen nicht das hier verkaufen, sondern was ich abends mache, zu Hause", freilich muß man bei dem eitlen Ostpreußen erst die Prüfung als Sammler bestehen.