In Frankreich starben sechsundzwanzig Babys durch giftigen Puder. Wer prüft bei uns Kosmetika?

Bekanntgeworden sind sechsundzwanzig Fälle, in denen französische Mütter ihr Baby verloren haben, weil sie im Vertrauen auf die Sorgfalt der Kosmetikaindustrie – den wunden Popo ihres Lieblings mit Bébé Tale einem in Frankreich viel gekauften Babypuder der Pariser Firma Morhange, eingepudert hatten. Wie vielen Säuglingen und Kleinkindern solch fürsorglich gemeinte Behandlung tatsächlich das Leben gekostet hat und wie viele einen – vorerst vielleicht noch nicht erkennbaren – Schaden im Zentralnervensystem davongetragen haben, werden wir nie genau erfahren. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aber sind mehr Kinder dem Fabrikationsfehler zum Opfer gefallen, der darin bestand, daß jemand mindestens einer Charge Bébé Tale versehentlich das Desinfektionsmittel Hexachlorophen im Verhältnis von sechs zu hundert Teilen beigemengt hat. In dieser Konzentration, die übrigens nur vier- bis sechsmal stärker ist als etwa in einer handelsüblichen desodorisierenden Seife, wirkte der Stoff, als er an den gepuderten wunden Hautstellen in den Blutkreislauf gelangte, tödlich.

Unerwartet war der tragische Unfall keineswegs. Seit Jahren schon warnen Fachleute davor, Hexachlorophen in Körperpflegemitteln zu verwenden. Erstens, so geben diese Wissenschaftler zu bedenken, könne die im Tierversuch definitiv als hirnschädigend erkannte Substanz in den Konzentrationen, wie sie in Seifen, in Deo- und Intimsprays, in Rasierwassern und vielen anderen Körperpflegemitteln üblich sind, ein schleichendes Gift sein, eines, das allmählich die Nervenzellen im Gehirn ruiniert. Zum anderen, und dafür hat jetzt die Bebe-Talc-Tragödie eine erschütternde Bestätigung erbracht, sei es im höchsten Maße leichtsinnig, den Herstellern von Kosmetika, die im Gegensatz zu den Pharmaproduzenten kaum kontrolliert werden, zu gestatten, ihren Produkten eine potentiell so gefährliche Chemikalie beizumengen.

In Deutschland darf jeder, der damit Geld verdienen möchte, irgendwelche Essenzen zusammenbrauen und das Resultat dann als Mittel zur Schönheitspflege feilbieten. Er benötigt dazu weder den Nachweis einer fachlichen Qualifikation, noch muß er seine Präparate bei einer Überwachungsbehörde anmelden. Niemand prüft hierzulande, ob die unzähligen Cremes, die Sprays, Zahnpasten oder Lotionen, die uns mit lockenden Versprechungen angepriesen werden, unschädlich sind.

Wenn es bekannt wird, daß ein solches Präparat gesundheitlichen Schaden angerichtet hat, dann kann der Hersteller zur Verantwortung gezogen werden. Doch auf einen bloßen Verdacht der Schädlichkeit hin geschieht in der Bundesrepublik staatlicherweise gewöhnlich nichts.

So blieben auch die Warnungen vor Hexachlorophen unbeachtet, selbst als Anfang dieses Jahres neue Bestätigungen für die Gefährlichkeit der Substanz aus Versuchen mit Affen bekannt wurden. Eine Anfrage im Bundestag beantwortete das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit mit dem belehrenden Hinweis, man könne Ergebnisse aus Tierexperimenten nicht ohne weiteres auf menschliche Verhältnisse übertragen. Gewiß, es stimmt, daß die Organismen verschiedener Spezies auf eine chemische Substanz unterschiedlich reagieren können. Aber in den meisten Fällen ist dieser Unterschied unerheblich. Zumindest geben die Resultate aus Tierexperimenten deutliche Hinweise auf mögliche Wirkungen und Nebenwirkungen von Chemikalien auf den Menschen. Sonst nämlich brauchte man Tierversuche gar nicht erst auszuführen.

Solche Hinweise, die längst dazu hätten führen müssen, daß Hexachlorophen nur in medizinisch gebotenen Situationen verwendet werden dürfte, sind bislang überhört worden. Jetzt, da in Frankreich ungewollt ein „Experiment“ an kleinen Menschen stattgefunden hat, dessen Resultat eindringlicher wohl kaum hätte ausfallen können, jetzt wenigstens müßte doch der Staat schleunigst eingreifen, ehe weiteres Unheil geschieht. Thomas von Randow