Börsen-Repot

Die deutschen Aktienkurse befinden sich zur Zeit in einer „Seitwärtsbewegung“. Sokennzeichnen die Börsianer die gegenwärtige Stagnationsphase. Die noch vor einigen Wochen beklagte Dollar-Schwäche (weil sie die exportierenden Unternehmen vor neue Rentabilitätsprobleme stellte) ist inzwischen abgeklungen. Jetzt wirddie Erholung des Dollar mit einem unfreundlichen Seitenblick bedacht; denn je mehr sich der Dollar festigt, desto geringer sind die Chancen für den Zustrom neuen Auslandsgeldes, das jetzt allein in der Lage wäre, die Kurse wieder in Schwung zu bringen. Einige Leute hoffen jetzt auf die private Kundschaft, „wenn erst die Olympischen Spiele in München beendet sind“. Tatsächlich sind die Kunden in diesen Tagen auf Wertpapiergeschäfte kaum ansprechbar.

Die Kundschaft wird aber nur dann zu neuen Aktienkäufen bereit sein, wenn die wirtschaftlichen Fakten über das hinausgehen, was heute bereits in den Kursen zum Ausdruck kommt. Und in dieser Hinsicht ist man in diesem Jahr schon recht optimistisch gewesen. Hinzu kommt, daß sich jetzt immer mehr die zum Herbst übliche Geldverknappung bemerkbar macht. Sie wird zur Zeit noch durch den großen Steuertermin vom 10. September verstärkt. Für den Oktober rechnen die Kreditinstitute sogar noch mit einer Diskonterhöhung. Sie würde geeignet sein, die Diskussionen über die Berechtigung des Achtprozenters zu beenden. Denn dann wäre die Rückkehr zum 73/4prozentigen Typ nun wirklich nicht zu verantworten, obwohl den Kreditinstituten die jetzt herauskommenden Anleihen geradezu von der Theke gerissen werden.

Das Fazit: Auch von der Zinsseite her gibt es für die Aktien gegenwärtig kaum positive Anregungen. Die großen Anleger haben sich als Käufer schon im August vom Markt zurückgezogen. Sie hatten bei steigenden Kursen begonnen, ihre Portefeuilles abzubauen, sind aber nicht damit zu Ende gekommen. Sie warten auf einen neuen Aufschwung, um weitere Aktien abstoßen zu können. Da viele das gleiche wollen, werden sie vermutlich noch lange in ihrer Warteposition ausharren müssen.

Der Berufshandel ist inzwischen auf die Suche nach chancenreichen Papieren des Regional- und Spezialmarktes gegangen. Dabei erscheinen ihm sogenannte Prozeßaktien besonders reizvoll zu sein. Dazu sind auch die Aktien von Kali und Salz (früher Salzdetfurth) zu rechnen, die seit Anfang Juli von 115 auf 145 Mark gestiegen sind. Mehrere Aktionäre klagen gegen die Konditionen der Eingliederung der ehemaligen Salzdetfurth AG in die Kali und Salz AG. Die Prozesse können sich jahrelang hinschleppen, wenn nicht vorher ein Vergleich gefunden wird.

Sehr fest liegen auch noch immer Hypothekenbank-Aktien. Die Realkreditinstitute werden für 1972 gut abschneiden; außerdem gibt es bei einigen von ihnen Fusionsphantasie, wie der bevorstehende Zusammenschluß der Deutschen Hypothekenbank in Bremen mit der Sächsischen Bodencreditanstalt (beide zum Dresdner-Bank-Bereich gehörend) beweist. Solche Fusionen nähren zwangsläufig die Hoffnung auf eine „angemessene“ Abfindung der noch vorhandenen freien Aktionäre. Und kommt sie nicht, so haben die Anleger wenigstens den Trost, an ausgezeichnet verdienenden Unternehmen beteiligt zu sein.

K. W.