Von Eka von Merveldt

Zu Weihrauch und Pumpernickel und all den Klischees von den stockkonservativen, urigen Westfalen will es nicht passen, daß die? erste jungliberale Führerin der FDP mit starkem Linksdrall, Ingrid Matthaeus, in Münster lebt, daß Hans Werner Henze, der Komponist und späte Rebell, in Gütersloh geboren wurde und fünfmal der Rubenspreis in Sieger, mit sicherem Gespür an fünf sehr bedeutende ausländische Maler der Gegenwart vergeben wurde, in diesem Jahr an den Spanier Tapies.

Westfalen – was ist das also? Alles, was man von der kernigen Westfalenart weiß und den Westfalen hinterher ankreidet – wie Müller-Marein in dem Buchauszug auf Seite 43 –, das haben sie stolz selbst verbreitet und verbreiten es in touristischen Werbeprospekten und durch Anstimmen ihres Nationalliedes noch immer. Seit Karl dem Großen politisch genannt und einstmals bis zum Meer reichend, wurde das Restland 1815 preußische Provinz und ist nun ein Bindestrichland zusammen mit Lippe und Nordrhein geworden, eine Erfindung der Engländer. Touristisch gar ist Westfalen innerhalb seiner politischen Grenzen weiter aufgesplittert, so daß in diesem Bericht Ostwestfalen mit Paderborn, Bielefeld und Minden unberücksichtigt bleiben.

Wie sind die Westfalen gescholten worden, als sie nach dem Krieg darangingen, das Zentrum ihrer angestammten Hauptstadt Münster, den Prinzipalmarkt und das gotische Rathaus, wiederaufzubauen. Aber sie haben sich im Chaos einen Ankerplatz der Seele geschaffen und zugleich ihren Sinn fürs Reale bewiesen: Nicht nur Gefühlsmomente und ästhetische Gesichtspunkte spielten eine Rolle, sondern auch Rücksicht auf das trotz Bomben noch vorhandene Straßennetz und die Eigentumsgrenzen. Das kühne Theater folgte darauf wie ein „befreiender Donnerschlag“ angesichts der vielen restaurativen Tendenzen im deutschen Theaterbau. Schließlich war ja auch das Rathaus mit der kühnsten Fassade der Gotik, als es 1335 errichtet wurde, der avantgardistischste Bau jener Zeit in Deutschland. Die Münsteraner haben es so sorgfältig restauriert, weil es Symbol ihres Bürgersinns war wie ein Wappen oder ein Siegel.

Warum fühlen sich auch zugereiste Großstädter hier wohl, die doch nichts so fürchten wie Provinzialismus, wenn das heißt, kleinkariert, rückständig, in der Hinterwelt leben und es nicht merken. Wenn ich auch nicht so weit gehen würde wie die zugereisten Großstädter, die aus Münster nie wieder weg wollen, so schätze ich wie sie an dieser Stadt das Menschliche ihrer Atmosphäre, das Überschaubare, die Behaglichkeit der krummen Gassen, der großen und kleinen Plätze, den Lindenkranz der Promenade auf den ehemaligen Festungswällen, das einheitliche, festliche Gepräge mit der Geschlossenheit des Forums am Prinzipalmarkt, dem schönsten Freilichtsaal des Nordens, Mitte der Stadt. Eine sehr lebendige Stadt mit sehr alten Fundamenten, voll souveräner Heiterkeit katholischer Länder, voll unbekümmerter Lebensnähe und Lebensduldsamkeit (bei aller dogmatischen Intoleranz) bis in die Fehltritte und Entgleisun-

gen.

Auch die Universität, eine der größten in Norddeutschland, fügt sich in die allgemeine Harmonie, bei aller heilsamen Aufsässigkeit. Ohne Aufhebens ist das ehemalige fürstbischöfliche Schloß als Lehranstalt eingerichtet und mit Umsicht erweitert worden, wie auch die größten Schlösser im Münsterland Berufs- und Fachschulen oder Jugendherbergen wurden. Bei der Größe der Universität ist die Stadt, im Vergleich etwa mit Hamburg, voll von jungen Leuten, vor allem im Kuhviertel, einem Kommunikationsviertel erster Klasse mit einer Fülle gemütlicher Kneipen und Lokale um Pinkus Müller, die Altbierstube im heute so geschätzten Altväterstil.