Unser Hauptmann hatte seine Begrüßungsrede beendet. Ob jemand noch Fragen habe? Ja, ich wollte wissen, wie es denn eigentlich mit der Information in der Kaserne stehe, ob wir denn auch Zeitungen lesen, fernsehen und Radio hören könnten. Ja, sei das eine Freude, meinte der Hauptmann, daß wenigstens einer in seinem apathischen Haufen politisches Interesse zeige, da gehöre ich ja zu den 0,0 Prozent der Soldaten, die überhaupt mal eine Zeitung in die Hand nähmen... Ich solle mal in den Aufenthaltsraum schauen, da gäbe es Zeitungen gratis, einen Fernseher und ein Radio.

Ich rannte die Treppe zum Aufenthaltsraum hinauf, um mir die Sache anzusehen. Ja, da lag dann wirklich ein Haufen Papiers, aus dem ich nach längerer Arbeit identifizieren konnte: Ebinger Zeitung, Südkurier, Schwarzwälder Bote, Die Welt, Deutsches Sonntagsblatt. Eine gelungene Auswahl, mußte ich feststellen. Daß die Zeitungen vom Vortag waren, verstand sich von selbst. Auch, daß man an dem alten Fernsehgerät nur einen Kanal empfangen konnte und daß am Radioapparat das Kabel herausgerissen war.

Aber abgesehen vom Mangel an Medien soll der deutsche Soldat im Grundwehrdienst sich anscheinend übers Wochenende informieren und die Woche über gefälligst fürs Vaterland da sein. Denn er hat buchstäblich keine Minute Zeit, mal Zeitung zu lesen (geschweige denn eine objektive Auswahl davon!) oder eine politische Sendung im Fernsehen zu beobachten (um zehn Uhr ist Bettruhe, und vorher müssen Stube und Revier gereinigt sein). Außerdem muß der Spind aufgeräumt sein, sämtliche Uniformstücke auf Vordermann gebracht und mal eine Verschnaufpause eingelegt werden. In der „Politischen Information“ erfährt man auch nicht viel. Knapp ehe Woche nach Schillers Rücktritt erfuhr ich zufällig davon durch einen Teil einer alten Ausgabe von Bild am Sonntag.

Dabei ist die Bild- Zeitung für Bundeswehrverhältnisse noch niveauträchtig. Die Normallektüre sind Blätter, bei denen es nicht so sehr aufs Lesen als vielmehr aufs Anschauen ankommt: Wochenend, Akt-Foto, St. Pauli-Nachrichten, Neue Revue und ähnliches.

Johannes Halder, 19 Jahre