Fachausbildung bei der Bundeswehr“, „Berufsförderung für Längerdienende“ – mit diesen Stichworten wirbt die Bundeswehr um Soldaten. Und in der Tat wird für Soldaten mit Berufsausbildung viel getan, und oft werden diese Chancen genutzt. Aber auch Abiturienten und damit zukünftige Studenten müssen ihren Grundwehrdienst ableisten. Dadurch wird ihr Ausbildungsweg unterbrochen, sie müssen militärische Dinge lernen, auch wenn sie die Laufbahn des Reserveoffiziers nicht einschlagen wollen. Mancher möchte auf seinem geistigen Interessengebiet auf dem laufenden bleiben. Lesen ist dazu wohl unumgänglich, jedoch nicht leicht in die Tat umzusetzen. Es ist unmöglich, auf einem Sechs-Mann-Zimmer Fachbücher so zu lesen, daß etwas hängenbleibt, während fünf andere fernsehen, Radio hören oder einen zünftigen Skat dreschen. In den Unterhaltungsräumen ist es zu unruhig.

Zwar versucht die Bundeswehr, durch sogenannte „Abiturientenweiterbildung“ ein- oder zweimal im Monat geistige Anregungen zu vermitteln. Sie erstrecken sich jedoch auf militärische Gebiete. Nur bei wenigen stoßen sie auf spezielles privates Interesse. Die „Aktuelle Information“ könnte Gelegenheit zur geistigen Betätigung bieten, ist aber auf die Aufzählung wichtiger Ereignisse der vergangenen Woche beschränkt.

Bei vielen führt die skizzierte Situation zur Resignation, da es schwer ist, die nötige Energie und Konzentration für so lange Zeit aufzubringen. Dann werden selbst die freien Wochenenden nicht genutzt, „weil es sich ja doch nicht lohnt“. Mir scheint dies mit ein Grund für den hohen Alkoholkonsum vieler Soldaten zu sein. Auf einen oder zwei Kästen Bier kann man sich leichter einigen als auf eine Lesestunde.

So wird in der Schule Erlerntes vergessen und wenig oder gar nichts Neues hinzugelernt. Das Gegenteil aber scheint mir notwendig zu sein, damit man nach Ableistung des Dienstes ohne allzu große Startschwierigkeiten ins Studium ansteigen kann. Das Bundesverteidigungsministerium und untergeordnete Stellen sollten sich Gedanken machen, ob und wie diese Lage zu verbessern ist. Der hohe Prozentsatz an Abiturienten in bestimmten Teilstreitkräften ist das wert. Freilich muß auch ein Mindestmaß an gutem Willen aller Beteiligten hinzukommen.

Norbert Günkel, 20 Jahre