Als Heide Rosendahl olympisches Gold ersprang, fand die Nation ihr Selbstbewußtsein zurück. So stand es allenthalben in der Presse unseres Landes zu lesen. Pressestimme – Volkes Stimme: „Wir“ hatten gewonnen. Früher erlebten die Deutschen das Gefühl der Zusammengehörigkeit vorzugsweise auf dem Schlachtfeld, heutzutage überkommt sie der nationale Rausch in der Arena des friedlichen Wettstreits.

Bei dieser eher erfreulichen Wendung brauchte man sich nicht weiter aufzuhalten, wäre da nicht noch die erstaunliche Tatsache zu vermelden, daß jetzt sogar Bild die Einheit der deutschen Nation preisgegeben hat. Denn die Medaillengewinnen aus der DDR gehörten offensichtlich nicht zu „uns“. Um die olympische Sprachenverwirrung vollzumachen, trat nur die westdeutsche Mannschaft unter dem Namen „Deutschland“ an.

Was jahrelang. unter gesamtdeutschen Fiktionen und Treueschwüren verdeckt lag, der olympische Jubel in München brachte es ans Licht: Die Deutschen haben, auch wenn es den meisten noch gar nicht bewußt geworden ist, die Teilung akzeptiert. Deutschland kämpfte gegen Deutschland, eine Nation gegen die andere, zwei Nationen unter anderen ... Kj.