Das war die „heißeste“ Schau von Paris: Mode für heute, weder von gestern inspiriert noch für übermorgen geplant. „Ich will Frauen anziehen, die schnell denken und schnell leben“, so Ungaro, revolutionärer Modemann mit unbequemen, vielfach mißverstandenen Kollektionen, die sich früher oder später immer als trendsetzend erwiesen. Da gab es Kollektionen, begleitet von lautstarkem Jazz; bebildert mit der ersten Multimedia-Show oder übertönt von Gesprächsfetzen, auf Band aufgenommen, zwischen Flugplatzansagen oder dem Aufheulen rasender Rennwagen.

Völlig gewandelt hat sich die Ungaro-Schau von heute. Ohne Geräuschkulisse ersteigt das erste Mannequin ein trommelähnliches Podest, steht, schaut lächelnd hoch über die Köpfe der Aufmerksamen ins Nichts, geht zwei, drei Schritte auf dem kürzesten Laufsteg der Welt hin und zurück, flüstert seine Nummer und gibt den Platz für das nächste Modell frei. Damit ist die Ungaro-Schau zu einer Oase beschaulicher Stille in der Hektik der Pariser Haute-Couture-Woche geworden.

Ungaro: „Revolution in der Mode auszudrücken oder die ‚Mode der Straße‘ in die Couture zu übernehmen – die Zeiten sind vorbei. Wenn Sekretärinnen noch vor kurzem nach gammeligen Baumwollhemden suchten, heute Kaschmir-Pullis bei uns verlangen, ist das ein Zeichen dafür, daß die Frauen genug haben von Trödelmode. Kleider aus wertvollen Stoffen in heiteren Farben, die so aussehen, als wären sie unkompliziert geschnitten – das ist der neue Trend.“

Emanuel Ungaro wurde 1933 in Aix-en-Provence geboren. Nähen lernte er bei seinem Vater, einem italienischen Schneider. Mit 22 Jahren kam er nach Paris, wo er das Glück hatte, sechs Jahre bei Balenciaga zu arbeiten, dem letzten Feudalherrscher der Haute Couture, der niemals zu Konzessionen bereit war. Hier erst begann er, „das Metier“ zu verstehen. Als Courrèges, ebenfalls ein Schüler Balenciagas, sich selbständig machte, folgte ihm Ungaro später und blieb bei ihm ein Jahr.

Dann, 1965, gründete er sein „eigenes Haus“ in einem viel zu engen winzigen Appartement der Avenue Mac Mahon, wo die ersten Ungaro-Fans auch vom Treppenhaus aus die Kollektion zu erspähen suchten. 1968 Umzug in die Avenue Montaigne, wo Pierre Rahoult den ultramodernen Rahmen schuf. In eng er Zusammenarbeit mit Sonja Knapp entwickelte Ungaro einen neuen Weg der Haute Couture. Sie entwarf für die Kollektionen exklusive Muster und Farben der Stoffe, ein Experiment, das nur mit italienischen Textilfirmen zu realisieren war, die aufgeschlossen und modern genug waren, hier Neuland für die Zukunft zu sehen. Mit kleinen geometrischen Elementen, wie Tupfen, Würfel, Dreiecke, Streifen, Rauten, Karos, und einer naiven vierblättrigen Blume stand das Programm. Die Farben waren klar und leuchtend neben viel Schwarz mit Weiß.

Jetzt, da Ungaros Mode wohltemperiert statt revolutionär geworden ist, sind auch Sonja Knapps Muster farblich sanfter geworden. Sie stellt Aprikose, Bonbonrosa, Silbergrau und Karamel, Tabak, Weiß, Zinnoberrot und Rosa zusammen oder gibt zu Tabak, Curry und Rost viel Elfenbeinweiß. Stoffexperten befühlten neugierig brandneue Doubleface-Stoffe aus weichstem Kaschmir, eine Seite rosa-weiß oder grauweiß gewürfelt, und die Einkäufer stürzten sich auf schmiegsame Mäntel oder Jacken aus diesen Stoffen, deren Taille mit elastischen Fäden eingereiht und betont werden. Gute Tageskleider, die von der Konfektion wie Stecknadeln im Heu gesucht werden, Ungaro hat sie: Praktische Zweiteiler mit vier aufgesetzten Taschen auf der Jacke. Weiche Blousonkleider und schmale Hemdblusenkleider mit tief angesetzten Faltenröcken aus bedruckten Wollmusselinen. Im winterlichen „Zwiebelsystem“: Naturfarbene Blusen aus Wollvoile mit Rauten-Pullis zu weiten gewürfelten Hosen. Und darüber voluminöse branstig-rot gefärbte Fuchsjacken. Ein ähnlicher Outfit wurde mit Westen gezeigt, in Rauten aus weißen, rostroten und braunen Nerzen.

Nicht nur Lauren Bacall, New Yorker Filmstar, geriet in Rage bei einer Gruppe dramatischer Abendkleider, die aus schwarzem Crêpe de Chine den Körper entlangfließen. Am Hals eine Boa aus schwarzen Hahnenfedern. Andere Kleider aus schwarzem Georgette betonen die Figur durch schmal abgenähte Falten, während der Rock unter den Hüften weit ausschwingt und die Ärmel sich bauschen, um in einem Volant zu enden.