Was steckt hinter den "antizionistischen" Säuberungen in den kommunistischen Ländern?

Von Paul Lendvai

Der arabisch-israelische Krieg im Juni 1967 hatte in der Sowjetunion und in Osteuropa ein unerwartet starkes Echo. Die demütigende Niederlage der arabischen Verbündeten Moskaus war für die Sowjetunion in den Augen der Welt ein schwerer Prestigeverlust, der durch den Konflikt zwischen der offiziellen proarabischen Linie und der allgemeinen Sympathie für Israel in den kommunistischen Ländern noch vertieft wurde. Manche Beobachter meinten, der Sechstagekrieg sei der Katalysator gewesen, der die latente jüdische Frage in Osteuropa wiederaufleben ließ, als osteuropäische Juden plötzlich im Verhältnis zu Israel ihr Judentum wiederentdeckten und offiziell Propaganda gemacht werden mußte, um die Nahostpolitik der UdSSR Zu rechtfertigen.

Doch die späteren Ereignisse haben diese Interpretation nicht bestätigt. Es stimmt, das Problemdes Antisemitismus trat in den politischen Kämpfen, die in Polen und in der Tschechoslowakei ausbrachen, auf dramatische Weise zutage. Aber Hinweise auf die Folgen des Nahostkonflikts – obwohl gewiß von Bedeutung – erklärten nicht zeitliche Abfolge, Charakter und Szenerie der "antizionistischen" Säuberungen. Sie waren das Produkt sehr komplizierter Situationen und eine Bestätigung mehr, daß generelle Strömungen, wie das Ansteigen des Antisemitismus, kaum jemals auf eine einzige Ursache zurückzuführen sind.

Wie ist es zu erklären, daß der Sechstagekrieg keine Auswirkung auf das Leben der beiden größten osteuropäischen jüdischen Bevölkerungsgruppen außerhalb der Sowjetunion, jener in Rumänien und in Ungarn, hatte, während die Juden in Polen und in der Tschechoslowakei seinetwegen Verfolgungen ausgesetzt waren? Das Argument, Rumänien habe dieses Moment dazu benützt, um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren, ist nicht überzeugend. Die ungarische Regierung hat sich ebenso wie die anderen Satellitenstaaten sofort und ohne zu schwanken hinter Moskau gestellt, doch gab es in Ungarn keine Spur von offenem oder verhülltem Antisemitismus, obgleich dieses Land bei einem Drittel der Einwohnerzahl Polens fast viermal soviel Juden hat (gegenwärtig sind es bereits zehnmal soviel).

Oder nehmen wir Jugoslawien, dessen Präsident Marschall Tito bekanntlich Nassers ältester und treuester Freund in Osteuropa war. Nicht nur war sein eindeutig antiisraelischer Standpunkt unberührt von antisemitischen Vorurteilen, sondern die jugoslawischen Kommunisten verurteilten auch öffentlich die "antizionistische" Kampagne in Polen. Hinzugefügt sei, daß auch in Polen das mit so viel Lärm betriebene Ausspielen der nationalen Vorurteile erst neun Monate nach dem Nahostkrieg wirklich in Schwung kam, in der Tschechoslowakei sogar erst mehr als ein Jahr später.Sind Rassismus und Bigotterie in Polen und in der Tschechoslowakei tiefer verwurzelt als in Ungarn und Rumänien? Um es gerade heraus zu sagen: Sind die Polen und Tschechoslowaken notorische Antisemiten, während andere osteuropäische Völker sich ihrer Vorurteile entledigt haben? Die Geschichte zeigt, daß solche Hypothesen unhaltbar sind. Ungarn war das erste Land in Europa, das nach dem Ersten Weltkrieg offiziell den Numerus clausus, ein gegen die Juden gerichtetes System von Zulassungsquoten an den Hochschulen, eingeführt hat, und in Rumänien wurde den Juden erst in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts, nach vierzig Jahren internationalen Drucks, die Staatsbürgerschaft zuerkannt. Hingegen war die Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit das Vorbild einer funktionierenden Demokratie mit voller Gleichheit der bürgerlichen Rechte.

Fällt die Schuld auf die jüdischen Kommunisten, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Gefolge der sowjetischen Armee in ihre Länder zurückkehrten und auf hohe Posten gestellt wurden? Diese Theorie enthält ein Element der Wahrscheinlichkeit. Aber alle die Slánskýs, Bermans, Rákosis und Paukers verschwanden vor mehr als einem Jahrzehnt von der Bildfläche, und was man den Juden heute vorwirft, ist nicht Stalinismus, sondern "Liberalismus" (als "Zionismus" getarnt). Darüber hinaus waren sie in Ungarn viel prominenter und übten in Rumänien zumindest ebensoviel Einfluß aus wie in Polen und in der Tschechoslowakei.