Die Aktionäre des Luftverkehrsunternehmen Atlantis AG, Echterdingen, sind jetzt durch Zeitungsinserate aufgefordert worden, junge Aktien im Verhältnis 1:1 zum Bezugspreis von 53 Mark je 50-Mark-Aktie zu übernehmen. Das Bezugsrecht kann über die Depotbank des einzelnen Aktionärs, aber auch bei der Gesellschaft direkt ausgeübt werden. Ein Bankenkonsortium zur Durchführung der Kapitalerhöhung um 12,75 auf 25,5 Millionen Mark hat sich nicht gefunden. „Wenn meine Pläne durchkommen“, so hatte der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Atlantis, der Textilindustrielle, Kaufhausbesitzer und Generalkonsul von Zypern, Dr. Hubert Kogge, dem „Handelsblatt“ noch im August erklärt, „wird die Atlantis zehn Hausbanken finden, man wird sich um die neue Aktien-Emission reißen.“

Halten wir fest, meine verehrten Leser: Die Atlantis AG war nicht in der Lage, eine Hausbank zu präsentieren. Normalerweise übernimmt ein Bankenkonsortium die aus einer Kapitalerhöhung stammenden jungen Aktien mit der Verpflichtung, sie den bisherigen Aktionären zum Bezug anzubieten. Für die damit verbundenen Kosten und Mühen wird üblicherweise vom Kreditgewerbe ein Provisionssatz von vier Prozent berechnet.

Wenn die Atlantis vom Normalfall abweichen mußte, so sollte das nach meiner Ansicht mißtrauisch machen. Die Atlantis AG hat es seit ihrer Gründung im Jahre 1968 nicht verstanden, einen Rückhalt im deutschen Kreditgewerbe zu finden. Finanziers waren amerikanische Firmen und Banken, gesichert durch das vorhandene Fluggerät.

Schon der Start der Atlantis verlief bereits wenig glücklich. Das Management stammte aus der seinerzeit in Schwierigkeiten geratenen und dann von der Lufthansa AG übernommenen Südflug GmbH. Flugkapitän Werner Will und der ehemalige Speditionskaufmann Tilman J. Uhlig riefen die Atlantis AG ins Leben. Dafür hatten sie 1,5 Millionen Mark zur Verfügung. Um das Unternehmen lebensfähig zu machen, brauchten sie mehr Geld. Sie beschlossen eine Kapitalerhöhung auf 12 Millionen Mark.

Unter den angesehenen Banken fand sich keine, die bereit war, die jungen Atlantis-Aktien dem Publikum anzubieten. Die Mehrzahl der Kreditinstitute war der Ansicht, daß „Kleinaktionäre“ das unübersehbare Risiko eines Charterflug-Unternehmens nicht tragen können. Sie waren weiter der Meinung, daß die Rechtsform der Aktiengesellschaft für ein privates Flugunternehmen deshalb ungeeignet sei, weil die Aktiengesellschaft steuertechnisch nicht in der Lage ist, die vom Gesetzgeber auf Fluggerät gewährten hohen Sonderabschreibungen sinnvoll auszuwerten. Das ist nur bei Kommanditgesellschaften möglich, die ihre Abschreibungs„verluste“ an die Kommanditisten weiterreichen.

Ich habe lange mit dem Mitgründer der Atlantis und langjährigem Vorstandsmitglied Uhlig über dieses Problem diskutiert. Er war natürlich nicht bereit, der These der Banken zuzustimmen, sondern meinte treuherzig, die Sonderabschreibungen brauchten überhaupt nicht gemacht zu werden, weil sie wirtschaftlich nicht erforderlich seien. Infolgedessen könne die Atlantis, wenn sie auf die hohen Sonderabschreibungen verzichte, den Aktionären, falls sie es wünschten, Dividenden anbieten.

Wie der Vorstand einer jungen Chartergesellschaft das Wort Dividende überhaupt in den Mund nehmen konnte, erschien mir schon damals tollkühn. Selbst wenn man über die wirtschaftliche Notwendigkeit von Sonderabschreibungen verschiedener Meinung sein kann, über eines sollte doch wohl Einigkeit bestehen: Im Vordergrund hat zunächst einmal die innere Stärkung des Unternehmens zu stehen. Das gehört zu den Grundsätzen einer soliden Geschäftsführung. Die Zurückhaltung der Banken gegenüber Atlantis schien mir. berechtigte Will und Uhlig gaben indessen nicht auf. In dem damaligen Bankier Ernst Schacht, Mitbesitzer des Hamburger Bankhauses Möhle (das später saniert werden mußte, Schacht schied aus) fanden sie jemand, der die 10,5 Millionen Mark der Kapitalerhöhung fest übernahm und sie dann per Zeitungsinseraten mit einem Aufpreis von 30 Prozent (!) einem breiten Publikum anbot. Von den 65 Mark, die Schacht je Aktie verlangte, gingen also nur 50 Mark an die Atlantis, 15 Mark flossen der Bank zu. Die hohe Provision wurde der Öffentlichkeit zunächst verschwiegen. Die zeichnenden Aktionäre waren damals der Meinung, daß der hohe Aufschlag sich zum überwiegenden Teil später in den Rücklagen der Atlantis wiederfinden würde. Aber nichts davon.