Von Marcel Reich-Ranicki

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke war von Anfang an eine Figur nicht nur des literarischen Lebens, sondern auch des bundesrepublikanischen Show-Business.

Wenn Rezensenten immer wieder auf die öffentlichen Auftritte dieses jungen Mannes zu sprechen kamen, seine Frisur beschrieben, seine dunkle Brille erwähnten und auf seine dekorative Kleidung verwiesen, so war das durchaus legitim. Denn stärker als Handkes literarische Leistung wirkte sein Image: Die Faszination, die er Ende der sechziger Jahre ausübte, ähnelte jener, die von Schlagersängern und manchen Filmschauspielern, von Covergirls und Photomodellen ausgeht.

Doch haben die Werbespezialisten, die Friseure und Photographen zu dem großen Triumph lediglich beigetragen: Er war in erster Linie das Resultat einer permanenten und außergewöhnlich intensiven Selbstpräsentation.

Und wie immer in solchen Fällen spielte auch hier der Zufall eine wichtige Rolle. Handke war ja auf der Bildfläche erschienen, als sich die rebellierende junge Generation nach einem Idol sehnte und keiner ihrer damaligen Führer hierzu geeignet schien.

Gerade diejenigen, die einerseits der Verhältnisse in der Bundesrepublik überdrüssig waren, andererseits aber keine rechte Vorstellung davon hatten, wie sie zu ändern wären, konnten sich leicht mit einem Schriftsteller identifizieren, der auf die Umwelt – wie einst Brigitte Bardot – stets schmollend und zugleich provozierend reagierte: In einem, der scheu und doch frech, schüchtern und dennoch hochmütig, arrogant und gleichwohl charmant war, der seine Unbeholfenheit wie ein Banner trug und seine Unbekümmertheit trotzig akzentuierte, mochten sich viele wiedererkennen.

Nonchalance und Protesthaltung, Grazie und Rebellion – das entsprach genau dem Zeitbedürfnis, zumal die ständige Selbstinszenierung mit wirklicher literarischer Begabung und mit authentischer Jugendlichkeit beglaubigt wurde. Mag auch ein solcher Vergleich unangemessen sein: Während etwa Rudi Dutschkes ernste und leidenschaftliche Reden irritierten und aufstörten, machte der pittoreske, und effektvolle Habitus von einem, der sich als Buhrufer und Poet dazu präsentierte, die neue Jugend für das Publikum leicht akzeptabel.

So war man gern bereit, ihm die Langeweile mancher seiner Arbeiten zu verzeihen und sein Benehmen in der Öffentlichkeit–oft erweckte er den Eindruck eines ungezogenen und immer noch in der Pubertät steckenden Jungen – als liebenswertes Generationssymptom zu goutieren. Die Handke-Euphorie reichte von pensionsreifen Germanisten bis zu zarten Gymnasiastinnen.

Aber die Jahre kommen und gehen, und auch er, der einst das prominenteste Trotzköpfchen des westdeutschen Literaturbetriebs war, ist kein Jüngling mehr. Sein dreißigster Geburtstag steht bevor. Für Studentenermäßigungen ist es nun etwas spät, und vieles, was noch vor wenigen Jahren als reizvolle Jugendlichkeit gefeiert wurde, wirkt jetzt, da der Enthusiasmus verraucht, ist einfach kindisch.

Während sich Handkes Dramatik längst totgelaufen hat, gilt dies – glücklicherweise – nicht für seine erzählende Prosa. Hier läßt sich sogar eine bemerkenswerte Entwicklung verzeichnen.

„Ich möcht kein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist“ – mit dieser Umkehrung des in Handkes „Kaspar“ refrainartig wiederholten Satzes wurde bereits angedeutet, was auf seine schriftstellerischen Bemühungen den stärksten Einfluß ausgeübt hat – nämlich die ostentative Ablehnung des Überlieferten, die querköpfige Negation des Vorhandenen.

Dabei wußte Handke den Protest gegen das bestehende Theater–übrigens mehr noch gegen die Institution als gegen die von ihr offerierte Dramatik – in einigen seiner frühen Stücke, vor allem in dem Sketch „Publikumsbeschimpfung“, anschaulich zu machen.

Ähnliche Versuche im Bereich des Erzählerischen sind hingegen gescheitert. Wo Handke eigene Wege zu gehen versuchte – so in den Romanen „Hornissen“ und „Der Hausierer“ –, lieferte er, kurz gesagt, indiskutable Prosa.

Zunächst macht sich in dieser Prosa immer stärker die Hinwendung zu jener literarischen Tradition bemerkbar, gegen die er einst so lauthals wie kokett gemeutert hatte. 1967 protestierte er – und kam sich dabei sehr originell vor – gegen die Fabel („Ich kann in der Literatur keine Geschichte mehr vertragen, ... die Geschichte wird unnötig“); nun sieht man, wie er von Buch zu Buch der Fabel eine immer größere Bedeutung beimißt, eine wichtigere Funktion abverlangt, wie ihm das, was er sagen will, immer deutlicher eben zur Geschichte gerät.

Ich denke hierbei an die – durchaus beachtliche – Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ und an den streckenweise virtuosen „Kurzen Brief zum langen Abschied“; und das trifft erst recht auf das neue Buch zu.

Peter Handke: „Wunschloses Unglück“, Erzählung; Residenz Verlag, Salzburg; 100 S., 12,80 DM.

Ende 1971 starb im Alter von 51 Jahren Handkes Mutter: „Selbstmord durch Einnehmen einer Überdosis von Schlaftabletten – meldete eine Kärntner Zeitung.

Dies ist der private Ausgangspunkt eines Buches, das sehr konsequent eine verallgemeinernde Darstellung anstrebt: Er schreibe die Geschichte seiner Mutter, erklärt Handke, weil er „diesen Freitod... zu einem Fall machen möchte“. Es ist auch recht und billig, wenn er sein Prosastück als „Erzählung“ bezeichnet. So persönlich der Anlaß, so literarisch das Ergebnis, das mit der gleichen Sachlichkeit zu beurteilen ist wie jeder andere schriftstellerische Versuch.

In der Tat fügt sich „Wunschloses Unglück“ ohne Schwierigkeiten in das bisherige Werk Handkes ein. Abermals ist es – wie „Die Angst des Tormanns“ und wie „Der kurze Brief“ – ein sehr konzentriertes episches Monodrama; abermals wird der Prozeß einer radikalen Entfremdung gezeigt, die hier zur totalen Entpersönlichung führt. Und wer die Stücke und Erzählungen Handkes als Polemik verstanden hat, mit der die Wirklichkeit und die Brauchbarkeit überkommenen und immer noch angewandter literarischer Formen angezweifelt oder widerlegt werden sollte, der mag auch das neue Buch als Gegenentwurf lesen und in ihm die Umrisse eines, sagen wir, Entwicklungsromans à rebours wahrnehmen.

Doch anders als in den beiden vorangegangenen Erzählungen behandelt Handke jetzt die Umwelt seiner Zentralfigur. Er habe sich in „Kurzen Brief“ bemüht – bemerkte er in einen Interview (in der ZEIT vom 31. März 1972) – „die Außenwelt möglichst fiktiv darzustellen Daß also alles das, was der Held sieht, für ihn zu Signalen wird für das, was er erlebt hat, oder für das, was er unternehmen möchte. Und mit dieser Fiktion ist versucht worden, eine größtmögliche Wahrheit über die Personen, ihr Bewußtsein, ihren Zustand zu erreichen. Die Außenwelt des Buchs stellt also für mich so etwas wie eine Versuchswelt dar.“

Mit anderen Worten: Die Außenwelt sollte bloß als Echo und Reflex des Individuums dienen und zur Herausforderung seiner Innenwelt. Im „Wunschlosen Unglück“ hingegen hat die Umwelt nicht nur zu signalisieren, was im Bewußtsein der im Mittelpunkt stehenden Person geschieht, sondern auch zu erklären, warum ihr Leben so und nicht anders verlaufen ist.

Statt der Elemente, die bisher in der Prosa Handkes eine große Rolle spielten – von Pop und Beat bis zu Western und Horrorstorys –, versucht er nun vor allem das zu zeigen oder wenigstens anzudeuten, was von ihm früher (etwa in seinem Aufsatz „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“) als „konkrete gesellschaftliche Wirklichkeit“ und als „soziale Bedingungen“ verhöhnt und denunziert wurde.

Dies bedeutet zunächst den sehr erfreulichen Verzicht auf die modische Unbestimmtheit, die für Handke sehr charakteristisch war, auf das Vage und Vieldeutige, Undurchschaubare und Unkontrollierbare, das seine Beliebtheit in deutschen Landen erheblich gesteigert hatte.

So schildert er die graue und enge Welt seiner Mutter, der Tochter eines armen Kärtner Handwerkers und Bauern, der es nicht gelingt, einen Beruf zu erlernen. Der Anschluß von 1938 ist es, der etwas Farbe in ihr tristes Leben bringt. Der Liebesbeziehung mit einem „deutschen Parteigenossen“, einer „Sparkassenexistenz“ – es ist übrigens der Vater des Autors – folgt, noch vor Geburt des Kindes, die Ehe mit einem anderen deutschen Unteroffizier: „Er war ihr zuwider, aber man redete ihr das Pflichtbewußtsein ein (dem Kinde einen Vater geben)...“ Dann Kriegserlebnisse in Kärnten und Berlin, Nachkriegselend, die Ehe mit dem Mann, der sie schlägt und mißhandelt, Abtreibungen, wachsende Vereinsamung, Gemütskrankheit, Selbstmord.

Aber was als zeitgeschichtlicher und gesellschaftlichen Hintergrund in die Erzählung einbezogen werden soll, ist meist nur blaß und bleibt, ohne daß dies etwa angestrebt wäre, schemenhaft. Handkes Darstellungsweise ist, zeigt sich, der realen Welt, der er hier beikommen will, nicht ganz gewachsen.

Immer schon hatten seine Arbeiten – dramatische wie epische – den bisweilen geradezu penetranten Beigeschmack von Etüden: Es waren stets Übungsstücke eines Schriftstellers, Exerzitien für Schauspieler oder Pantomimen, Leser oder Zuschauer. Im „Wunschlosen Unglück“, wo es Handke an einer mehr oder weniger realistischen Schilderung gelegen ist, erinnert seine Prosa nicht selten an einen recht braven und etwas unbeholfenen Schulaufsatz: „Meine Mutter war das vorletzte von fünf Kindern. In der Schule erwies sie sich als klug, die Lehrer schrieben ihr die bestmöglichen Zeugnisse, lobten vor allem die saubere Schrift, und dann waren die Schuljahre auch schon vorbei.“

Streckenweise wird hier nur informiert und referiert, oft liefert Handke Stichworte und nicht mehr. Das ergibt zwar ordentlichen Rohstoff für eine Erzählung, aber eben nur Rohstoff. Der Versuch, aus dem Freitod einen Fall zu machen, gelingt nicht. Warum?

Etwa in der Mitte merkt Handke die Fragwürdigkeit seines Buches. Er sieht zwei Gefahren. Erstens; „Die bloße Nacherzählung eines wechselnden Lebenslaufs mit plötzlichem Ende wäre nichts als eine Zumutung.“ Dies hängt, denke ich, von der Qualität der Erzählung ab, übrigens gibt es eine „bloße Nacherzählung“ überhaupt nicht. Die andere Gefahr sei „das schmerzlose Verschwinden einer Person in poetischen Sätzen“. Daher vergleiche er „den allgemeinen Formelvorrat für die Biographie eines Frauenlebens mit dem besonderen Leben meiner Mutter; aus der Übereinstimmung und Widersprüchlichkeit ergibt sich dann die eigentliche Schreibarbeit“. Das ist, fürchte ich, pure Hochstapelei.

Denn abgesehen davon, daß über einen „allgemeinen Formelvorrat“ dieser Art höchstens Standesbeamte verfügen, ist von jenem Vergleich in dem Buch keine Spur zu finden. Hingegen fallen im „Wunschlosen Unglück“ immer wieder allerlei Hemmungen und Skrupel eines Schriftallerlei auf, der leider allzuviel theoretisiert und der sich offenbar Sehr ängstigt, was er schreibt, könne als unmodern abgetan werden.

Seine „Schilderungsform“ – heißt es einmal – wirke „wie abgeschrieben, ... ohne Beziehung zur Zeit, in der sie spielt; kurz: ‚19. Jahrhundert‘“. Doch gleich folgt die Rechtfertigung: Eine solche Darstellung sei nötig, weil auch die zu schildernden Begebenheiten („unter den skizzierten wirtschaftlichen Bedingungen“) noch immer an das 19. Jahrhundert erinnerten. Was soll das? Daß man anachronistischen Zuständen nur mit einem (angeblich oder tatsächlich) anachronistischen Stil beikommen könne, ist, mit Verlaub, barer Unsinn.

Was sich hinter alldem verbirgt, ist nichts anderes als die Angst des Peter Handke beim Erzählen. Die Vermutung, er habe jenen theoretischen Ballast, der seine Prosa erstickt, mit dem „Kurzen Brief“, seinem; auf jeden Fall besten Buch, bereits überwunden, war leider voreilig.

Wo er dieses Theoretisieren für eine Weile vergißt, wird sichtbar, was er leisten kann – etwa in der prägnanten und spannungsvollen Szene der ersten Begegnung mit dem Vater und, vor allem, in einigen vorzüglichen Abschnitten, die, zurückhaltend und, doch höchst suggestiv, die psychische Krankheit der Mutter beschreiben.

Insgesamt scheint mir diese Erzählung, obwohl sie bisweilen epigonal anmutet und offensichtlich ihrem Thema sehr viel schuldig bleibt, schon deshalb sympathisch, weil sie, von einigen Schlenkern abgesehen, doch frei ist von Handkes hochgestochener Wichtigtuerei. Während er die intellektuelle Dürftigkeit mancher seiner früheren Arbeiten mit Gags und auch mit Bluff zu tarnen und zu überspielen suchte, wird der Erzählung „Wunschloses Unglück“ niemand vorwerfen, sie lebe über ihre Verhältnisse.

Allerdings ist Prosa dieser Art, ob man sie nun realistisch nennen will oder nicht, immer etwas riskant: denn sie zeigt den Autor ohne Visier, sie läßt rasch seine Schwächen erkennen, aber auch seine Möglichkeiten, Peter Handke braucht dies nicht zu befürchten.

Wenn er nur seine ästhetischen Gewissensbisse und seine vielen theoretischen Hemmungen überwinden wollte und unverkrampft und natürlich erzählen könnte. Denn die Natürlichkeit, sie ist doch kein leerer Wahn. Nur daß in der Literatur die Natürlichkeit nicht von selber kommt. Sie setzt viel Arbeit voraus und etwas Mut.