Nichtkombattanten und Neutrale werden Opfer des revolutionären Kampfes

Von Karl-Heinz Janßen

Krieg ist Krieg“, sagte Dr. Georges Habasch, einer der palästinensischen Guerillaführer, als er vor zwei Jahren, nach den ersten Flugzeugentführungen, gefragt wurde, ob ihn denn die Meinung der Weltöffentlichkeit gar nicht kümmere. „Krieg ist Krieg“ – wie oft in der Geschichte haben Menschen unter Berufung auf diesen Satz die scheußlichsten Verbrechen und Unmenschlichkeiten begangen oder achselzuckend über sie hinweggesehen. Die Araber wundern sich nun, daß die übrige Welt im Falle München diese Entschuldigung nicht akzeptieren will. Aber wer in den Fedayin im olympischen Dorf nichts als schändliche Verbrecher und feige Mörder sieht, sie als „Gangster“, „Verrückte“, „Schakale“ beschimpft und versteht, wird dem schockierenden Ereignis nicht gerecht werden können.

Der Überfall auf das olympische Dorf war zumindest nach dem Selbstverständnis der Täter eine kriegerische Handlung, wenn auch in verbrecherischer, heimtückischer Weise, wenn auch auf dem Territorium eines neutralen Staates und innerhalb der Bannmeile des olympischen Friedens. Er wird in die Geschichte eingehen als die bisher spektakulärste Aktion eines „revolutionären Volkskrieges“, wie ihn Mao, Lin Piao, Giap, Guevara, Grivas und andere Theoretiker der modernen Guerilla gelehrt haben.

Mao brach die Bahn

Noch jede neue Kriegstaktik, jede neue Waffe wurde von den Betroffenen zunächst als unfair empfunden, weil sie gegen die eingespielten Regeln verstieß. Nicht nur das Militär, auch die Zivilbevölkerung brauchte immer erst einige Zeit, um sich darauf einzustellen und – daran zu gewöhnen. Die Guerilla, der Kleinkrieg, ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Er ist so alt wie die Menschheit selbst. Bis in die dreißiger Jahre – in Europa sogar noch bis in den Zweiten Weltkrieg – galt der Partisanenkrieg – ebenso wie Kommandounternehmen, Geheimdienstaktionen, „Fünfte Kolonnen“ – als Ergänzung des regulären Krieges, obwohl er nicht durch die Haager Landkriegsordnung gedeckt war. Das Neue ist die Politisierung der Guerilla Zum „revolutionären Volkskrieg“ – hier hat Mao bahnbrechend gewirkt. Der Siegeszug seiner Ideen in der Dritten Welt erklärt sich nicht zuletzt aus den Fortschritten der modernen Kriegstechnik. In eben dem Maße, in dem nach der Erfindung der Atombomben und der Interkontinentalraketen der große Krieg unwahrscheinlich wurde, wuchsen die Chancen kleiner Völker und schwacher Aufstandsbewegungen, den Atomschirm der Bündnisse zu unterlaufen.

Der Krieg der Guerilleros und Partisanen hat seinen Clausewitz noch nicht gefunden. Erste Ansätze zu einer Theorie hat vor zehn Jahren ein Staatsphilosoph entwickelt, von dem man es gemeinhin nicht vermuten würde: der ebenso berühmte wie berüchtigte Carl Schmitt. Er nannte vier Kriterien: 1. die Irregularität, 2. die Mobilität, 3. das politische Engagement und 4. den tellurischen (erdbezogenen) Charakter – dies gilt besonders für die vertriebenen Palästinenser mit ihrer starken Gefühlsbindung an die heimische Scholle.