Von Manfred Sack

Draußen war Vollmond, ich hätte es beinahe übersehen; er hatte einen Hof auf Schäfchenwolken. Drinnen schoß aus sechs Scheinwerfern straff gebündeltes Licht, von Tabaksqualm gegilbt, auf die Bühne. Dort beschworen gut gebügelte Schillerkragenmänner und hochgeschlossene Frauen das Gute, Echte und das Natürliche, die Not, das Glück der Liebe, das Erhabene, den Kampf gegen den Hunger, gegen das Hochwasser, für die Moral und für Jesus. Mir wäre das Mondidyll über Bremen sicher nicht in den Sinn gekommen, wenn in der Stadthalle nicht eine Country-and-Western-Music-Truppe damit beschäftigt gewesen wäre, ungebrochen an einer für veraltet gehaltenen Idylle zu weben und Löcher, die die Zeit in das längst verschlissen geglaubte Tuch gerissen hat, kunstzustopfen. Es war eine seltsame Begegnung mit Johnny Cash, seiner weiblichen Verwandtschaft, einem Männergesangsquartett und einem Mann, der zu den Miterfindern des Rock ’n’ Roll gehört. Erfolg hatten sie alle, das Damentrio der Carter Family, die vier Statler Brothers und Carl Perkins. Aber am meisten bejubelt wurde Johnny Cash.

Und das muß einen doch ein bißchen wundern. Denn ihn feierten ja nicht "betroffene" und auch nicht, weil einer ihre Sprache – wörtlich oder sinnbildlich – spricht, keine Baumwollpflückerkinder, keine Hochwassergeschädigten von den Ufern des Mississippi, weder verarmte Stadtproletarier, die sich aufs Land zurücksehnen, noch Gestrauchelte, die man über ihre Vorstrafenregister tröstet und die "jeden Zentimeter ihres Gefängnisses hassen" wie in San Quentin oder Folsom.

Der ehrliche Makler

Nicht einmal ist – vergleichsweise – vorstellbar, daß zum Beispiel Freddy Quinn wie Johnny Cash die gewaltigen Sporthallen von Berlin, Bremen, Köln und Dortmund füllen könnte, wenn er von den sächsischen Webern sänge, die die Mechanisierung brotlos gemacht hat, vom Schuster, dessen "Hände bis auf die Knochen abgearbeitet" sind, vom Tischler, der den Schrank zum abgemachten Preis von zwanzig Mark liefert, obwohl durch die Inflation das Brot schon eine Million kostet, oder vom Bauern, den es aus Gelsenkirchen wieder in den Bayerischen Wald zieht, von meuternden Verbrechern in der Haftanstalt von Hamburg-Fuhlsbüttel, von der guten Mutter, die nach dem letzten Krieg Ähren las und Kartoffeln stoppelte, um dagegen Milch für das Baby einzutauschen? Und wäre denn denkbar, daß sich mit solch einem Freddy nicht bloß die Westfalenhalle, sondern in New York die Carnegie Hall ausverkaufen ließe?

Natürlich ist diese Analogie übertrieben; denn es gibt kein deutsches Pendant zur amerikanischen Country- und Western-Musik. Dennoch bleibt die Frage, womit Johnny Cash diesen Erfolg hat in Deutschland, in London und in Schweden, wo er diese Woche auftritt. Zwei Erklärungen sind möglich.

Die eine hieße: Lebenslegende und Lieder des Sängers bedingen einander. Wenn Cash von den Baumwollpflückern in Arkansas singt, besingt er ja seine Vergangenheit, die zu erwähnen er nie unterläßt. Er war das Kind bettelarmer Eltern, er trat ziellos in die Army ein, wurde in Landsberg am Lech stationiert, später unehrenhaft entlassen, konnte nichts weiter, als sechzig Worte pro Minute morsen, fing an zu singen und die Gitarre zu schlagen, wurde im selben Jahr wie Elvis Presley entdeckt, hatte Erfolg, wurde drogensüchtig, ließ sich von der Polizei mit Tabletten schnappen, wurde arrestiert, dann "keimte in ihm der Wille zur Umkehr", er fand die Frau, die ihm weiterhalf, sie heirateten, sie bekamen ein Kind, die Erfolgsstatistik meldet: Hunderte von Liedern, -zig Alben, Millionen Platten, viele Preise. Johnny Cash ist laut Prospekt "der ehrliche Country-Makler, der Lieder vom einfachen Leben mit einfachen Wahrheiten vorträgt", ist "ein harter, unbestechlicher Interpret der gesellschaftlichen Situation und ein Anwalt derer, die unter ihr zu leiden haben".