Von Christel Buschmann

Nach Erscheinen ihres ersten Romans („Wanke nicht, mein Vaterland“, 1970), neckisch und raffiniert Gustav Heinemann gewidmet als dem Mann, „der seine Frau mehr liebt als den Staat“, wagte nur einer zu bezweifeln, ob diejenigen, die diesem Buch den Preis der Hamburger Neuen Literarischen Gesellschaft zuerkannten, sich eigentlich die Mühe gemacht hatten, nicht nur der Urheberin, der als hübsch gefeierten Heike Doutiné, sondern ihrem Roman Interesse entgegenzubringen. „Hat man ihren Roman wirklich gelesen?“ fragte Peter W. Jansen in der „Frankfurter Rundschau“. Und nur ein paar Kritiker gestatteten sich mehr oder weniger diskretes Mäkeln. Einer der weniger Diskreten, Jürgen P. Wallmann, kriegt nun auch gleich sein Fett. Als breiiger, dicker Kritiker Braumann, der sich offensichtlich nur von Teigwaren nährt, schlurft er durch die letzte Erzählung ihres neuen Bandes –

Heike Doutiné: „Deutscher Alltag“ – Meldungen über Menschen; Claassen Verlag, Hamburg/Düsseldorf; 315 S., 22,– DM

Wallmann konnte es aushalten, wie seine Rezension des neuen Doutiné-Buchs zeigt, die trotz allem gerade die letzte Erzählung einer positiven Bemerkung für würdig hielt – obwohl er dort als „glatzköpfiges Füllhorn des Stumpfsinns“, „unverhältnismäßig großer Kleingeist und „Dauerratte in Aktion“ seine fiesen Kreise zieht. So großzügig können Kleingeister sein. Und so kann es einem gehen, der sich weigert, die „junge, aber nicht unbekannte Autorin“, Jahrgang 1945, mit netten Allgemeinplätzen zu bedenken, von der Qualität: „schöpferische Sprachkraft“, „eigenwillige Gedankenabläufe“, „beachtliches episches Talent“ oder „ernste Dinge heiter sagen können, ohne dabei banal zu werden“. Nicht nur die Lokalpresse empfand Heike Doutiné als blonde blauäugige Bereicherung ihres grauen Zeitungsalltags und verarbeitete die „ebenso hübsche wie streitbare“ Tochter aus gutem Hause mit ihrem „roten Flattermaxi“ und Promotionsaussichten für ihre Zwecke. Warum die Autorin ihren Ärger nicht lieber gegen solchen Society-Schnack und solche gönnerhaften Altherrentouren richtete, möchte ich „im Raum stehen lassen“.

Vielleicht ja, um ernster genommen zu werden, hatte Heike Doutiné sich nach lyrischen Kurzformen („In tiefer Trauer“, 1965, und „Das Herz auf der Lanze“, 1967) einen längeren Atem zugelegt: „Das Vaterland“ wankte über 400 Seiten, und „Deutscher Alltag“ wird nun auf über 300 Seiten gemeldet.

Wie in ihrem Roman will Heike Doutiné auch hier der Bundesrepublik zeigen, wie sie wirklich ist. Schon beim Klappentext aber sträuben sich einem die Haare, nicht weil er schlecht ist, das ist man ja gewöhnt, nein, weil die Autorin ihn selber schreiben durfte und die Sache noch schlimmer macht, wenn sie einen recht vermessenen vaterlands-erzieherischen Auftrag durchblicken läßt: „Dieses Buch deckt Anonymes auf, läßt aus deutschen Tagessensationen einen deutschen Alltag entstehen“ und soll so helfen, unsere Zukunft zu retten, denn wenn „unsere Gesellschaft noch ein Morgen erleben will, in dem das Wort MENSCH mehr ist als ein Gattungsbegriff, dann muß sie begreifen, wieder begreifen lernen, daß die Welt für den Menschen da ist, da sein sollte, nicht der Mensch für die Welt“. Was immer das sein mag, wenn die Welt für den Menschen da ist – wann war der Mensch je dieser Ausbund an Humanität, als der er für Heike Doutiné doch offensichtlich irgendwann existiert haben muß?

Wie sieht der mangelhafte Mensch nun aus, der sich durch den deutschen Alltag schleppt? So, wie majv ihn kennt: sensationshungrig, grausam, asozial, geil, verklemmt, leichtsinnig, egoistisch, geldgierig, frustriert, einsam – und verloren, falls er nicht auf der Autorin mahnende Worte hört. Ausgehend von fiktiven oder tatsächlichen Zeitungsmeldungen, um die sie mehr oder weniger, manchmal auch überhaupt nicht passende Geschichten spinnt, sagt sie siebenundzwanzigmal, was alles so passieren kann: Jugendliche überfallen einen alten Mann, ein Lehrer hat Sexualprobleme, ein Ehemann kauft sich eine Gummipuppe zwecks zwanglosen Verkehrs, ein Pseudolinker verkauft sich ans Establishment, eine einst ergebene Gattin nimmt späte Rache an ihrem einst repressiven und nun verstorbenen Gatten, eine berufswillige Frau wird als Frau behandelt, ein alter Nazi lebt mit alter Gesinnung auf Madeira, ein Ehemann läßt in Panik Frau und Kinder in der brennenden Wohnung zurück, eine Oma verliebt sich in einen Fernsehmenschen, ein Pensionär stirbt in seiner Wohnung, ohne daß einer es merkte, ein Fußballfan stirbt auch, und zwar beim 1:0 des Gegners, eines Dichters Marktwert sinkt. Angetippt werden Probleme, die jedem halbwegs unterrichteten Geist zwar geläufig sind, über die zu schreiben aber natürlich dennoch lohnen könnte. Nur eben nicht so.