War Janusz Korczak gegen Militarismus und Rassismus gefeit?

Von Karl-Heinz Janßen

Nun werden uns bald wieder die traurigen Augen des „König Hänschen“ anblicken – aus den Schaufenstern der Buchläden, von den Gabentischen unterm Weihnachtsbaum. Es steht zu fürchten, daß die postume Verleihung des Friedenspreises an den polnischen Pädagogen und Schriftsteller Janusz Korczak viele Eltern dazu verleitet, unbesehen die beiden prächtig aufgemachten Bände seines Kinderromanes „Król Marius I .“ zu kaufen, der in Polen zu den beliebtesten Kinderbüchern zählt. Seit zwei Jahren ist die von Katja Weintraub besorgte deutsche Übersetzung im Handel, begleitet von überschwenglichen Rezensionen. Der Verlag wirbt mit einer Besprechung des Bielefelder Professors Hartmut von Hentig (selber ein Pädagoge Ton Rang), die seinerzeit vom „Spiegel“ veröffentlicht wurde. Es lohnt sich also, sein Urteil nachzuprüfen, daß dies „ganz und gar ein Kinderbuch“ sei, ja, einen Maßstab setze „für das, was ein gutes Kinderbuch leisten sollte“.

Vielleicht hat er dabei an Stellen gedacht wie diese: „Plötzlich aber war es, als heulten Hunde auf. Es ging los. Das waren Feldhaubitzen. Und jetzt: Bum – bunt – bellte die große Kanone. Nun war die Hölle los. Die Gewehrschüsse prasselten wie Hagelkörner, das pfiff, das zischte, das donnerte, immer drauf, bum, krach, krach. So ging es eine halbe, vielleicht auch eine Stunde lang. Manchmal fiel eine Kanonenkugel in den Graben und explodierte, einige Soldaten kamen ums Leben, andere wurden verwundet. Aber die Kameraden hatten sich schon daran gewöhnt. ‚Schade um ihn, er war ein guter Kerl‘, hieß es dann. Und der eine oder andere sagte noch: ‚Die Erde sei ihm leicht.‘ Der Doktor verband die Wunden, und nachts wurden die Verwundeten dann ins Feldlazarett geschafft. Da ließ sich halt nichts machen, so war nun einmal der Krieg.“

Den Jungen möchte man sehen, der diese Passagen nicht begeistert in sich aufnimmt und sich in die Rolle seines Helden Hänschen hineinträumt, der hier sein erstes Trommelfeuer erlebt. Geschrieben wurde das Buch 1928 – Kriegsbücher, gleich ob pazifistisch oder militaristisch, stiegen wieder im Kurs. War es da so verwunderlich, daß auch der Veteran Korczak seinen Tribut an den Zeitgeist leistete? Er kannte sich aus, war Militärarzt im russisch-japanischen Krieg gewesen, hatte Samsonows „August 1914“ in Ostpreußen und auch alle folgenden Schlachten an der Ostfront miterlebt. Er hat den Krieg gehaßt – wie Millionen seinesgleichen; er hat sich nicht dagegen aufgelehnt – ebenso wie Millionen seinesgleichen. Der Hauptmann Korczak wandte sich in den Pausen der Schlacht von all dem Grauen ab und schrieb an seinem großartig gen Traktat „Wie man ein Kind lieben soll“.

Er verschweigt „Tod, Blut und Wunden“ nicht, schildert das unberechenbare Glücksspiel des Krieges, beschreibt die Angst der Fliehenden und den Hunger der Vertriebenen, aber werden die Augen der kleinen Leser nicht darüber hinweghuschen, weil sie sich den nichtangeschauten, nicht am eigenen Leibe erfahrenen Schrecken gar nicht vorstellen können?

„Jetzt verstand Hänschen“, so lesen wir, „daß jeder Befehl im Krieg schnell und ohne Widerrede erfüllt werden muß.“ Oder über den Oberst Dormesko: „Als junger Offizier erregte er durch seinen Mut allgemeine Bewunderung ... ‚Stehenbleiben!‘, wurde ihm befohlen, ‚keinen Schritt vor, keinen Schritt zurück!‘ Dormesko grub sich mit seiner Abteilung ein, und nun konnte es Pech und Schwefel regnen, er rührte sich nicht von der Stelle. Er blieb da.“ Sollte es dem neuen Fach Wehrkunde noch an Lehrmaterial ermangeln, so wären seine Lehrer hier bestens bedient – Korczaks Erfahrungen sind auch nach fünfzig Jahren noch nicht veraltet.