Ein halbes Jahr aus dem Leben eines berühmten Dichters und Wahlkämpfers

Von Dieter E. Zimmer

Es ist mit den Händen zu greifen, wenn auch gar nicht so leicht zu belegen: Während Günter Grass, zusammen mit Heinrich Böll und vielleicht noch Siegfried Lenz, für das Ausland und für die Mehrzahl derjenigen Deutschen, die überhaupt Lektüreerfahrungen oberhalb der Konfektionsware suchen, unangefochten als der Repräsentant ernst zu nehmender deutscher Gegenwartsliteratur gilt (für jenes zeugen Übersetzungen und ihre Aufnahme, für dieses empirische Umfragen), ist er in dem so intim verfreundeten und verfeindeten Konventikel deutscher Literaten zunehmend in Mißkredit geraten.

Eine solche Diskrepanz muß Gründe haben. Einige mögen streng objektiver Natur sein. Grass’ große Stärke war von Anfang an das Durchformulieren von ganz Konkretem, vielleicht seine Verlängerung ins Phantastische, nicht aber das Argumentieren; die Induktion, nicht die Deduktion; die unwiderlegliche Einzelheit, wie sie von Erinnerung und Phantasie (sozusagen der Erinnerung nach vorne) aufbewahrt wird, nicht das strittige Allgemeine. In seinen letzten beiden Theaterstücken und in dem Roman „Örtlich betäubt“ aber hatte er sich gerade darauf versteift, diesem Talent zuwiderzuhandeln, hatte er nicht die konkreten Einzelheiten selber für ihre Argumente sorgen lassen, sondern für seine Argumente Einzelheiten erfunden – mit fragwürdigem Ergebnis. Während die Kritik Einwände sortierte, blieb ein weniger nervös-aufnahmelüsternes Publikum bereit, eine „Blechtrommel“ zur Not auch als Lebenswerk zu nehmen.

Hinzu kamen politische Kalamitäten. Jene leicht nebelhafte linke Verschworenheit der Literaten, die die Gruppe 47 lange zumindest vorgespiegelt hatte, zerbrach spätestens unter den studentischen Sprechchören, die vor jenem fränkischen Gasthof „Pulvermühle“, wo 1967 das letzte regelrechte Gruppenritual zelebriert wurde, ihr höhnisches „Dichter! Dichter!“ intonierten. Während die Mehrzahl jener Autoren für einige Zeit in ein terrain vague abwanderte, das bei allen Unterschieden und aller Unbestimmtheit jedenfalls die Attribute „links“ und „progressiv“ reklamierte und in der Hauptsache damit beschäftigt war, einander dort die Aufenthaltsgenehmigung zu bestreiten und in den Muff der Bürgerlichkeit zurückzuversetzen, ehe man sich dann doch bei SPD oder FDP oder DKP oder in futuristischen Sekten einfand, grenzte sich Grass von Anfang an auch nach links ab. Für die Rechten war er sowieso immer unannehmbar: einer der Schmutzfinken, die die deutsche Ehre und Kultur besudeln, dann gar ein „Verzichttrommler“, der sein Danzig nicht nur auf-, sondern auch abschrieb. Aber daß sich so einer der euphorischen Trance entzog, ihr sogar widersprach, wo andere, die seinen Meinungen vielleicht gar nicht so fern standen, zumindest hypnotisiert den Mund hielten: das fiel auf und machte ihn zu einem beliebten Angriffsziel.

Etwas drittes wird hinzugekommen sein, das mit dem Wort Neid unfair und zu oberflächlich benannt wäre. Der Multiplikationseffekt heutiger Massenmedien hat es in sich, daß sich zwischen dem Berühmten und dem vom Ruhm nicht Getroffenen ein Graben auftut, dessen Breite in keinerlei mit Vernunftgründen zu rechtfertigendem Verhältnis zu seinen Anlässen steht. Ich meine hier nicht den Umstand, daß mancher Quark es zu unheimlichem Erfolg bringt. Ich meine das Gesetz, daß nichts dem Ruhm so förderlich ist wie Ruhm. Neu ist es nicht, neu aber sind die Dimensionen, in denen es sich verwirklicht. Der Ruhm lauert dem einen auf, bittet ihn um Autogramme, um Unterschriften unter Resolutionen, holt ihn an Diskussionspodien, zerrt ihn vor Fernsehkameras, läßt ihn zu einem öffentlichen Denkmal seiner selbst werden, nimmt noch an seinem beiläufigsten Räusperlaut Anteil und erzeugt einen irrationalen Abstand zu dem Kollegen: und vermehrt sich bei alldem weiter. Anders gesagt: Der Unterschied zwischen einer Auflage von tausend und von fünfhunderttausend Exemplaren läßt sich meist aus keinem entsprechenden Qualitätsunterschied mehr erklären; ein vom Ruhm nicht getroffener Autor, ein solchen Fragen aufgeschlossener Leser mag einem Günter Grass gerne zugestehen, daß seine Sachen eben besser sind – schwerlich aber, daß sie nun gleich fünfhundertmal so gut sein sollen.

Auf der anderen Seite ist der Berühmte ständig einem besonders harten Anspruch ausgesetzt. Jede seiner Äußerungen wird argwöhnisch daraufhin abgeklopft, ob sie seinem Ruhm auch genüge. Ungerecht in seiner Unverhältnismäßigkeit, ist der Ruhm gleichzeitig auch mörderisch in seinen Anforderungen.