Shakespeares "Wie es euch gefällt" – was ist das eigentlich? Ein leichtes und zartes Lustspiel, beschwingt und graziös, amüsant und frivol, turbulent, übermütig und nicht sehr anspruchsvoll, Barock natürlich und doch fast schon Rokoko, gewissermaßen "Cosí fan tutte" ohne Musik?

Oder ist es eher eine philosophische Komödie mit schwermütigen Meditationen und etwas zynischen Bonmots, noch ein Verwirrspiel wie der frühere "Sommernachtstraum" und doch schon ein weises Zaubermärchen wie der viel spätere "Sturm", ein Stück voll Ironie und Resignation, in dem die klügste Person ein verliebtes Mädchen ist, Rosalinde, eine jüngere Verwandte des Prinzen Hamlet?

Das Theater kann aus dieser herrlichen Komödie machen, was es will; vorausgesetzt freilich, daß es überhaupt etwas kann. Damit wären wir beim Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, in dem zur Zeit die denkbar radikalste Inszenierung von "Wie es euch gefällt" gezeigt wird – nämlich eine solche, die den Eindruck hinterläßt, Shakespeares Stück sei, kurz gesagt, dümmlich und geschmacklos und überhaupt nicht mehr aufführbar. Denn man hat es in der Hansestadt gequält und geschunden und schließlich ermordet. Der grausame Missetäter heißt Niels-Peter Rudolph.

Dabei handelt es sich nicht um eine Aufführung, die verärgert oder irritiert. Nicht einmal dazu ist sie imstande. Sie deprimiert nur – weil sie, trotz erfahrener und guter Schauspieler, von Dilettantismus und von Willkür zeugt und streckenweise einfach töricht ist.

Welche Übersetzung soll man spielen? Es ist gewiß richtig, sich nicht nur auf die Schlegel-Tieck-Fassungen zu verlassen, sondern auch neuere Übersetzungen auszuprobieren. Jetzt macht sich aber – und wiederum ist das keine Hamburger Spezialität – eine Mode bemerkbar, die mir bedenklich scheint: Man greift auf die ältesten deutschen Übersetzungen (Wieland und Eschenburg) zurück, die man jedoch, da sie allerlei Schwächen haben, korrigiert und verbessert. Ich meine: Wenn schon Eschenburg aus dem Jahre 1775, dann bitte Eschenburg. Hier ist an dem alten Text nicht wenig gefingert worden: Erst war der Dramaturg Urs Jenny am Werk, dann der Regieassistent Florian Mercker und dann noch höchstpersönlich der Regisseur Niels-Peter Rudolph. Das Ergebnis ist bedauerlich. Aber nicht Shakespeare oder Eschenburg bedauere ich, sondern das Publikum.

Jedenfalls hat Rudolph das Märchen entzaubert und das Lyrische vertrieben und war nicht einmal in dieser Hinsicht konsequent. Aus dem subtilen Spiel wurde ein derbes Panoptikum, aus der Komödie ein streckenweise vulgäres Rüpelspiel. Ich kann mir denken, was der Regisseur meinte: daß nämlich die allzu stimmungsvollen Inszenierungen, die es früher oft gab, das Stück romantisiert und verharmlost haben. Nur daß mir eine solche Verharmlosung (falls es wirklich eine war) noch lieber ist als die Entpoetisierung, die das Ganze plump und albern macht.

Ziemlich albern sind auch die Bühnenbilder von Wilfried Minks. Da in "Wie es euch gefällt" jene berühmte Arie steht, die mit den Worten "Die ganze Welt ist eine Bühne" beginnt – nur daß diese Arie in jedem anderen Shakespeare-Stück ebenso am Platz wäre –, hat uns Minks mit allerlei Vorhängen, Prospekten und Versatzstücken überzeugen wollen, daß die ganze Bühne eben eine Bühne ist. Der größte Fehler dessen, was von Minks (offenbar sehr schnell) entworfen wurde: Es hat die Schauspieler immer wieder behindert.

Ihnen hat der Regisseur abverlangt, was Schauspieler in der Regel nicht ungern liefern: simple Karikaturen. Ob man Jacques als einen zwar in den Ardenner Wald verirrten, doch aus Helsingör stammenden Intellektuellen spielt oder eher als einen britischen Snob, gewissermaßen als Großvater des Oscar-Wildeschen Lord Illingworth, sei dahingestellt. Hier trug er zwar ein Hamlet-Kostüm, machte aber vor allem den Eindruck eines räsonnierenden Hampelmanns (Fritz Lichtenhahn).

Den Herzog Friedrich und den Herzog in der Verbannung ließ man von einem Schauspieler spielen (Vadim Glowna). Die Konzeption hatte schon einen Sinn – sie sollte wohl zeigen, daß den guten und den schlechten Herzog allen Unterschieden zum Trotz doch mehr verbindet als trennt –, wurde aber durch die Regie verdorben, die wiederum auf Extremes und Primitives aus war: Der gute Herzog erwies sich alslein totaler Trottel und der böse ähnelte dem Teufel im Kasperletheater nur daß er noch eine meterlange schwarze Schleppe nach sich ziehen, mußte, damit auch alle merken, daß sein Charakter schwarz ist.

Die ärgste Fehlbesetzung: Hermann Schömberg als Probierstein Die Bewunderung so geistreicher Leute wie Rosalinde und Jacques für diesen Probierstein wurdeunglaubhaft: Denn statt eines nachdenklichen Narren sah man einen fasten Hanswurst. Ganz blaß Christoph Bantzer als Orlando, nur muß das nicht seine Schuld sein, weil angesichts der Konzeption des Ganzen diese vornehmlich lyrische Rolle bloß ein notwendiges Übel schien.

Aber so schlimm das alles war – Bernard Shaw hatte doch recht, als er einst schrieb, eine Aufführung von "Wie es euch gefällt" könne nie ganz schiefgehen. Er dachte an Rosalinde, ich denke an Gertraud Jesserer.

Offen gesagt, sie hat mich nicht ganz überzeugt, Daß sie aber in einigen Szenen in der zweiten Hälfte des Abends (nur in einigen, doch immerhin) gegen die Regie und gegen ihre Partner und trotz der fatalen Bühnenbilder beides spürbar gemacht hat – nämlich den subtilen Charta Rosalindes und ihren klaren Intellekt, die Schamhaftigkeit dieses Mädchens und zugleich ihre komödiantisch überspielte Neigung zum Exhibitionismus – das ist eine Leistung Sie, Gertraud Jesserer, war die einzige, die daran zu erinnern vermochte, daß dieses Stück eine Dichtung ist und eine geniale obendrein.

Marcel Reich-Ranicki