Ist Hans Falladas Roman „Kleiner Mann was nun?“ ein Dauerbrenner auf Bestsellerflammen, weil er Not und Arbeitslosenelend der beginnenden dreißiger Jahre schließlich doch auf ein idyllisches „Wir lassen uns nicht unterkriegen“ und „Wir müssen nur zusammenhalten!“ reduziert? Oder ist der Roman erfolgreich, obwohl er schildert, wie man Menschen so abrichten kann, daß sie noch in der verzweifeltsten Situation der intakte Familienkern inmitten einer chaotischen Welt bleiben? Und: kann eine Dramatisierung eines solchen Romans diese Fragen überhaupt stellen, bleibt sie nicht vielmehr vorher schon in dem Stolperdraht ihrer formalen Probleme (Wie bringt man einen Roman auf die Bühne?) hängen?

Nachdem die Bochumer Eröffnungspremiere gelaufen ist, weiß man, daß die Dramatisierung gelaufen gelungen ist, weil Tankred Dorst angenehm unambitioniert zu Werke ging und andarauf beschränkte, das in den Dialogen des Romans sich abspielende Volksstück herauszuschälen. Ein einziges Mal (wenn ich richtig aufgepaßt habe) mußte da der Held seine „innere Stimme“ ertönen lassen, nämlich als ihm sein „Lämmchen“ gesteht, daß sie sich nicht für hübsch halte und auch nicht für hübsch gehalten werde. halte jedoch zeigte sich, daß dieser Roman sein Dialog ist – wenn man es nur versteht, die Umwelt in die Sätze hineinzunehmen, sie szenisch aus ihnen herauszuschälen.

Gerade das verstand die Bochumer Inszenierung, mit der Peter Zadek seine Intendanz antrat, glänzend. Vor allem deshalb, weil sie das Stück, nachdem die epische Distanz des Erzählens aufgegeben war, mit einem neuen, sehr zutreffenden Mittel distanzierend erweiterte und kommentierte: indem sie es als Revue vorführte.

Statt also der gefährlichen Verinnerlichung zu verfallen, die das gnädige Herabsteigen zu den „tapferen, kleinen Leuten“ gewissermaßen mit dauerndem Schulterklopfen ausübt, verschleuderte Zadek den Stoff, so genau er ihn auch ausbreitete, hemmungslos und doch sehr kontrolliert an die Operetten- und Show- und Kintoppträume jener Jahre. Nicht um einen billigen Kontrast zwischen fehlenden Zweimarkfuffzig und dem kessen „Berlin is ne Wolke“-Gekrächze zu schaffen, sondern eher um zu zeigen, daß in den Einlagen mit geschwungenen Ziegfeld-Beinchen, mit der sozialen Glitzertreppe, die man singend hinaufsteigt, mit der verzweifelten Fröhlichkeit „Heute machen wir einen drauf“ ein grotesk idiotischer Spiegel der eigentlichen Lage vorhanden ist und war.

Man übertreibt also nicht, wenn man Zadeks populäre Revue auch als einen ganz schönen selbstzerstörerischen Akt beschreibt. (Daß Reinhart Baumgart in der SZ sich an Gombrowiczs „Operette“ erinnert fühlte, ist alles andere als eine private Assoziation.) Besonders deutlich waren solche Akte der fröhlichen Selbstaufhebung etwa in den Kinoszenen: dem sogenannten kleinen Mann, der sich selber von einem großen Schauspieler auf der Leinwand dargestellt sieht, ganz „tragisch-menschlich“, gehen die Brüche erst auf, wenn er den gleichen Schauspieler als hochmütigen Kunden erleben muß – dabei dreht er das einzige Mal durch. Oder in den unheimlich komischen Szenen, bei denen der beneidete. Kollege (glänzend gespielt von Karl-Heinz Vosgerau), der besser verkaufen kann, in dieser Revue auch gleich als singendes Filmidol in die Unwirklichkeit entschwebt.

Während also parallel zur verzweifelt sich behauptenden Idylle eine zügige schmissige Revue stattfand, roaring twenties, happy thirties, die sich noch durch ihr mietrückständiges Schlafzimmer schwappte, sah und erlebte man, wie Zadek ein Zeitalter in seinen singenden und swingenden Verlautbarungen vorführte: Uniformität, überführt in den Gleichtakt von Revuebeinaufschwüngen, die Wedding-Welt, weggeträumt in Leni-Riefenstahl-Keulenschwünge oder in Picknick-Seligkeit, das dauernde Gedrückt- und Getretenwerden, weggegrinst in das keep smiling von Willy-Fritsch-Figuren.

So entpuppte sich die Harmlosigkeit dieser, Welt als ihre Gefährlichkeit. Das soziale Strampeln und Zappeln fand in einer dennoch putzigen Welt statt. Denn Zadek und sein Bühnenbildner Georg Wakhévitch bauten zu dem Berliner Milljöh die Kinovorstellung von Berlin dazu.

Vielleicht hätte das alles trotzdem nicht aufgehen müssen, wenn Bochum nicht für das Paar, für „Lämmchen“ und ihren „Jungen“, eine so ideale Besetzung gehabt hätte. Heinrich Giskes war der nette junge Mann, der adretter sein will, als es ihm seine Verhältnisse erlauben, der Welt mit jenem ungelenken Verkäufercharme entgegentretend, den sie von ihm erwartet. Auch ramponiert bleibt er eher hilflos erschrocken; vielleicht sein größter Schock ist, daß er von der Polizei der Straße verwiesen wird, daß man ihn also nicht mehr als Bürger akzeptiert, während er. doch darauf beiharrt, Bürger zu sein, zu bleiben – auch arbeitslos.

Diejenige, die er sein „Lämmchen“ nennt, ist da schon einige Schritte weiter. Und hält ihn – dies ist wohl der privateste Aspekt des Romans – gerade dort fest, wo er stehen möchte. Hannelore Hoger spielte diese illusionslose Illusionistin mit einer unbeirrbaren Sicherheit, selbstbewußt und selbstironisch, unangreifbar, in jeder Nuance unerwartet und selbstverständlich zugleich: Man beobachtete die Geburt einer neuen Volksschauspielerin.

Damit wurde auch die Frage, ob Falladas Geschichte von den unbeugsamen jungen Leuten in der Zeit der Arbeitslosigkeit sentimentales Durchhaltepathos verbreitet, beantwortet. Denn Hannelore Hoger zeigte, wie alle Energien dieser Frau nötig sind, um jenen Pakt zu erfüllen, der ihr von der Wirklichkeit aufgenötigt wird.

Hellmuth Karasek