Man stelle sich vor: Es gelänge einem smarten Arzneimittelhersteller mit Hilfe eines ebenso smarten Chemikers eine Verbindung aus Tetrahydrocannabinol – dem Hauptwirkstoff des Haschisch – und beispielsweise Aspirin herzustellen. Dieses Produkt, als Anregungsmittel rezeptfrei auf den Markt gebracht, fände alsbald bei Jugendlichen als Rauschmittel regen Anklang. Wissenschaftler, die auf diese Gefahr hinwiesen, würden vom Hersteller mit Prozessen verfolgt. Und das Gesundheitsministerium .sähe sich außerstande, gegen diesen vorzugehen, weil es selbst in eine Klage eben dieses geschäftstüchtigen Mannes verwickelt sei.

Eine absurde Vorstellung? Gewiß, soweit sie Haschisch und Aspirin betrifft; denn soviel wir wissen, erfüllt Haschisch zwei Anforderungen, die an einen Suchtstoff gestellt werden müssen, nicht: Dosissteigerung bei den Süchtigen und Entzugserscheinungen.

Hinreichend bekannt als Suchtstoff (und durch eine immense wissenschaftliche Literatur ausgewiesen) ist dagegen Amphetamin, das wegen seiner suchterzeugenden Eigenschaft in der Bundesrepublik seit 1963 Stoffen wie Morphin oder Opium in der Arzneimittelgesetzgebung gleichgestellt ist.

Aus eben diesem Amphetamin, aus Benzaldehyd und Blausäure wird ein Medikament synthetisiert, das seit 1961 von der Berliner Firma Dr. med. Hans Voigt als Anregungsmittel unter dem Namen AN 1 auf den Markt gebracht wird.

Der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft und dem Bundesgesundheitsamt liegen seit dem Frühjahr 1967 Meldungen über den „Mißbrauch“ von AN 1 als Suchtstoff vor. Die erste Beschreibung von Suchtfällen in der medizinischen Fachliteratur findet sich in der Beobachtung des Basler Psychiaters D. Ladewig über „Neue Suchttrends bei Jugendlichen“ (Schweizer Medizinische Wochenschrift Heft 21, 1969). Im gleichen Jahr sah auch der Beirat für die Verschreibungspflicht von Arzneimitteln beim Bundesgesundheitsministerium sich zum ersten Male genötigt, das Thema AN 1 auf seine Tagesordnung zu setzen, ohne daß sich jedoch daraus Folgen ergeben hätten.

Bevorzugtes Weckamin

In der Folgezeit häuften sich Berichte besorgter Apotheker, die über Großeinkäufe von AN 1 durch Jugendliche berichteten, und auch in den Drogenberatungszentren tauchten immer häufiger jugendliche „User“ dieser Droge auf. Eine Ende 1970 von Wissenschaftlern des Instituts für Gerichtliche und Soziale Medizin in Kiel ausgeführte Repräsentativerhebung unter Oberschülern in Schleswig-Holstein ließ AN 1 als bevorzugtes Weckamin (neben Captagon und seltener Preludin von ungefähr 26 Prozent der Befragten genommen) erkennen (Dr. Jürgen Schwarz und Mitarbeiter: „Rauschmittelgebrauch bei Oberschülern in Schleswig-Holstein“; Monatsschrift für Kinderheilkunde, Heft 10, 1971).

Zu ähnlichen Ergebnissen kam. eine von den Wickert-Instituten im Auftrage des baden-württembergischen Innenministeriums vorgenommene Repräsentativerhebung bei 14 bis 21 Jahre alten Jugendlichen: Hier war AN 1 als bevorzugtes Weckamin von etwa sechs Prozent aller Drogenbenutzer genommen worden. Die Hochrechnung ergab: Etwa 25 000 Jugendliche Baden-Württembergs nahmen dieses Mittel „öfter oder täglich“ und waren damit zum Kreis der stark Gefährdeten, wenn nicht Süchtigen zu rechnen (Dr. Ludwig Schmitt und Mitarbeiter: „Drogengebrauch unter Jugendlichen in Baden-Württemberg“; Deutsches Ärzteblatt, 17. Februar 1972).

Das Bild der Drogenszene in der Bundesrepublik scheint ziemlich monoton zu sein, denn auch in Hessen erfreute sich das Mittel vor allem seit Mitte 1971 in Kombination mit Kaffeepulver und/oder Alkohol steigender Beliebtheit, wie der Schuloberpsychologe Wolfgang Weber, Frankfurt, bei einem Fortbildungsseminar in Berlin unlängst mitteilte (Medical Tribune vom 22. September 1972).

Bei diesem weitverbreiteten Gebrauch der „Suchtdroge“ konnte es nicht ausbleiben, daß es infolge Überdosierungen zu bedrohlichen Zwischenfällen kam. Ein Bericht einer Arbeitsgruppe der Bonner Universität zählt AN 1 unter den Weckaminen an erster Stelle auf (Dr. 11. E. Hasse und Mitarbeiter: „Notfallsituationen bei jugendlichen Drogenkonsumenten“; Deutsche Medizinische Wochenschrift vom 12. März 1971).

Warum dieses Mittel, über dessen Abbau im Körper der Produzent keine Angaben machen kann, diese suchtmachende Wirkung zu entfalten vermag, wurde klar, als der Berliner Privatdozent Dr. Karl-Heinz Beyer die Ergebnisse der Untersuchungen seiner Arbeitsgruppe vorlegte (Deutsche Apotheker-Zeitung vom 13. Mai 1971). Die Forscher hatten herausgefunden, daß sich die Substanz in einem künstlichen Magensaftmilieu, dem Alkohol zugesetzt war, innerhalb einer Stunde nahezu vollständig in die Stoffe zersetzte, aus denen es synthetisiert worden war: Blausäure, Benzaldehyd und Amphetamin.

Die Schlußfolgerung der Berliner Wissenschaftler, es sei wahrscheinlich, „daß zumindest teilweise – nicht Amphetaminil (Grundsubstanz des AN 1), sondern das Spaltprodukt Amphetamin“ resorbiert werde und zur Wirkung gelange, brachte den Hersteller des Mittels auf die Barrikaden: Nachdem er vom zuständigen Redakteur der Apothekerzeitung nicht die Zusicherung erhalten konnte, der Abdruck der Arbeit werde verschoben, drohte er mit einer einstweiligen Verfügung. Es erwies sich jedoch, daß zum Zeitpunkt dieser Drohung das Heft schon gedruckt und ausgeliefert war.

In dieser Ausgabe der Zeitschrift fand sich auch der Bericht einer ähnlichen Untersuchung von Dr. Heinz Hoffmann aus Bielefeld. Ihm gegenüber hatte der Hersteller heftig bestritten, daß sich bereits im Dragee Amphetamin befinden könnte. In der Folgezeit wurde aber nicht nur dieses bestätigt, zwei Forscher aus Münster, Dr. G. Bohn und Dr. G. Rücker, fanden auch eine Erklärung für den deutlichen Bittermandelgeruch, der beim Zerdrücken eines Dragees AN 1 entsteht. Es handelt sich dabei offenbar um freie Blausäure. Neben der Methode der Dünnschichtchromatographie gelang der Nachweis von Amphetamin mit der noch empfindlicheren und spezifischeren Methode der Gaschromatographie im Blut und Harn von Versuchspersonen, und schließlich vermöchte eine Arbeitsgruppe der Universität Göttingen auch mit dem Non-plus-ultra aller Nachweismethoden, der Massenspektrometrie, das Amphetamin nachzuweisen (Dr. Gerd Remberg und Mitarbeiter: „Amphetamin – ein Metabolit von AN 1“, Archiv für Toxikologie, Band 29, 1972).

Alle diese epidemiologischen, klinischen und analytischen Untersuchungen weisen also darauf hin, daß das Präparat ein äußerst gefährlicher Suchtstoff ist.

Mit dem juristischen Knüppel

Was hätte der Hersteller unternehmen müssen? Wenn es nach den Vorstellungen der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichtes Aachen ginge, wie sie in dem Einstellungsbeschluß zur Contergan-Verfahren niedergelegt sind, würde ein „ordentlicher und gewissenhafter“ Hersteller, schon bei, einem geringen Grad des Verdachts einer gefährlichen Nebenwirkung – und eine Sucht gehört zweifellos dazu – Ärzte und Verbraucher über diesen Verdacht in ausreichender. Weise informieren, die Rezeptpflicht beantragen, falls sich dadurch die Nebenwirkungen kontrollieren ließen oder sogar das Mittel vom Markt nehmen – alles in Abhängigkeit von der Schwere und Häufigkeit der Nebenwirkung und dem therapeutischen Nutzen des Präparates.

Dr. Hans Voigt reagierte nicht erwartungskoiform. Statt dessen wurde gegen die fündig gewordenen Wissenschaftler der juristische Knüppel hervorgeholt. So erhielt der Bonner Privatdozent Dr. Peter Schönhöfer, als er darauf beharrte, AN 1 sei keineswegs versehentlich in der Arbeit über Notfallsituationen bei jugendlichen Drogenbenutzern als Weckamin aufgeführt worden, sondern – wegen seiner klinischen und pharmakologischen Eigenschaften – mit Bedacht, eine Unterlassungsklage (Streitwert 50 000 Mark, Verhandlungstermin 2. November 1972). Maßgebend bei der Ausarbeitung dieser Klageschrift waren der „Eingriff in einen eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb“ und die „Wiederholungsgefahr“.

Privatdozent Dr. Max von Clarmann, Leiter der Vergiftungsstation an der Zweiten Medizinischen Klinik des Klinikums rechts der Isar in München, hatte auf einer Fortbildungsveranstaltung in Freiburg nach den Erfahrungen mit seinen Patienten AN 1 als „maskiertes Amphetamin“ bezeichnet. Auch diese Behauptung ist dem Hersteller des „Suchtmittels“ 50 000 Mark Streitwert.

Dr. Jürgen Schwarz vom Institut für gerichtliche und soziale Medizin in Kiel hatte es nicht bei dem Bericht seiner Arbeitsgruppe in der Fachpresse bewenden lassen, sondern dazu noch die Gesundheitsabteilung des Schleswig-Holsteinischen Sozialministeriums informiert, das Präparat sei ein Weckamin und ein Rauschmittel. Solcherlei „kredit- und erwerbsschädigende Behauptungen“ schlagen bei Dr. Voigt schon mit 100 000 Mark Streitwert zu Buche (projektierter Verhandlungstermin vor dem Landgericht Kiel: 12. Oktober 1972).

Es ist auch verständlich, daß dem so von Wissenschaftlern verfolgten Hersteller eine Erörterung der Untersuchungsbefunde über AN 1 in der Laienpresse ungelegen kommen mußte. Ein Artikel dieser Art in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 3. Mai 1972 wurde, als der Autor sich nicht willens zeigte einzugestehen, sein Artikel sei „in weiten Teilen unrichtig“, ebenfalls mit einer Klage über 100 000 Mark honoriert. Als das „Arzneitelegramm“, ein von einer kritischen Gruppe junger Berliner Ärzte herausgegebenes Informationsblatt für Ärzte, schließlich den Nachdruck des Artikels aus der FAZ plante, konnte selbst eine einstweilige Verfügung dieses Unterfangen nicht gänzlich verhindern (Streitwert 50 000 Mark).

Nicht genug damit. Da das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit sich durch seinen Beirat für Verschreibungspflicht und das Bundesgesundheitsamt dahingehend beraten sah, AN 1 zum 1. Juli 1972 wenigstens der einfachen Rezeptpflicht zu unterstellen, sieht es sich nun einer interessanten Verwaltungsklage des Herstellers gegen diesen obrigkeitlichen Akt konfrontiert. Was Wunder: Ist es doch eine Binsenweisheit, daß der Umsatz eines rezeptfreien Medikamentes durch die Einführung der Rezeptpflicht auf ein Zehntel zu sinken pflegt. Die Grosso-Monatsumsätze von AN 1 lagen im Jahre 1971 bei etwa 200 000 Mark. Da es nur zu einem geringen Teil von Ärzten verordnet wurde – auf etwa 70 000 verkaufte Packungen im Dezember 1971 entfielen nur etwa 7000 Verordnungen –, dürfte der Effekt der Rezeptpflicht hier gemeinsam mit der negativen Publizität noch stärker zu Buche schlagen.

Wer stoppt den Produzenten?

Herr Dr. Voigt aberläßt sich’s nicht verdrießen: Ein Ende Juni 1972 an die niedergelassenen Ärzte verschickter Brief betont nach wie vor das „geringe therapeutische Risiko“ und daß „auch kein Zwang zur Dosissteigerung oder suchtmäßigen Bindung“ bestehe.

Hier ist es nun an der Zeit zu fragen, wer diesen Arzneimittelhersteller zu stoppen imstande ist. Offensichtlich nicht imstande dazu ist jedenfalls der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie. Dieser hat zwar schon 1969 Richtlinien für die Werbung und Information über Arzneimittelwirkungen und Nebenwirkungen beschlossen, die es jedem Hersteller zur Pflicht machen, wahrheitsgemäß und ausreichend über berichtete Nebenwirkungen und Risiken der Therapie zu informieren. Dieser Verband verwahrt sich auch unter Berufung auf die „Eigenverantwortlichkeit“ der Hersteller gegen alle Pläne einer administrativen Genehmigung von Werbetexten (wie beispielsweise, in den USA weitgehend praktiziert). Aber sein Unvermögen, in einem Fall so gravierender Verletzung der eigenen Richtlinien auch nur eine Stellung beziehen zu können, dekuvriert die deklamatorisch beschworene Eigenverantwortlichkeit als Verantwortungsgefühl für den eigenen Umsatz und sonst nichts.