Von Sepp Binder

Der Bayernkurier muß es wissen: Er hat in Norbert Blüm den "Schrittmacher sozialistischen Gedankenguts unter christlichem Deckmantel" erkannt, der die "Demontage der Marktwirtschaft" betreibe und die "Enteignung von Grund und Boden" propagiere. Dieser "Schutzpatron der revolutionären Kräfte" muß demnach ein sozialistischer Wolf im CDU-Pelz sein, ein Gottseibeiuns für alle Unionsgläubigen. Weit gefehlt: Blüm ist Hauptgeschäftsführer der CDU-Sozialausschüsse, Vertreter jener lange Zeit verschütteten Unionskomponente, die just vor Wahlen immer gerne nach vorne geschoben wird, um die Arbeiter zu überzeugen: In der CDU/CSU würden, wie nirgendwo sonst, die Arbeitnehmerinteressen am besten vertreten.

Mit dieser Feigenblattrolle gibt sich Norbert Blüm indes nicht zufrieden. Der gelernte Werkzeugmacher bei Opel, der über den zweiten Bildungsweg zum Studium der Philosophie, Soziologie und Germanistik kam und später über Tönnies’ Soziallehre promovierte, ist alles andere als ein Nachbeter unverbindlicher Programme. In seiner Streitschrift, an der die Union wahrscheinlich noch mehr zu kauen hat als SPD und FDP, fragt er (und verneint), ob die Christlichen Demokraten die "mittlere Position" ihrer Gründerzeit sehalten haben:

Norbert Blüm: "Reaktion oder Reform – Wohin geht die CDU?"; Rowohlt Taschenbuch Verlag; Reinbek 1972; 138 S., 2,80 DM

Blüm braucht nur an die soziale Pioniergesinnung der CDU-Väter wie Jakob Kaiser und Johannes Albers zu erinnern, um bei den meisten seiner auf Unternehmerkurs eingeschworenen Parteifreunde einen Adrenalinstoß hervorzurufen: Das Ärgerliche an Blüm ist nämlich für sie, daß seine Kronzeugen für eine "andere CDU" weder Marx noch Mao sind, sondern das Ahlener CDU-Programm von 1947 ("Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden" ), und die Enzyklika "Populorum progressio" von Papst Paul VI. ("Das Gemeinwohl verlangt manchmal eine Enteignung, wenn ein Besitz wegen seiner Größe, seiner geringen oder überhaupt nicht erfolgten Nutzung, wegen des Elends, das die Bevölkerung durch ihn erfährt, wegen eines beträchtlichen Schadens, den die Interessen des Landes erleiden, dem Gemeinwohl hemmend im Wege steht").

Die christliche Soziallehre ist für den engagierten Sozialpolitiker und intellektuellen Kopf aus Katzers Garde kein ideologisches Betthupferl vor einem gesegneten Politikerschlaf, sondern eine "radikale Lehre". Gerade das aber wird dem Gewissenswurm der CDU von jenen Christdemokraten angekreidet, die ihm den Platz in der CDU streitig machen und das Ahlener Programm als versehentliche Sozialeuphorie abtun wollen, als einmaligen Seitensprung ohne Folgen.

Blüm bleibt jedoch nicht bei historischen Reminiszenzen stehen; sie dienen ihm nur als Basis seiner Argumentation gegen die Armut in unserem Lande, gegen die "Ausbeutung" und gegen den "Betrug", den die Dritte Welt an den kapitalistischen Ländern verübt. Er streitet für die Mitbestimmung und für eine gerechte Vermögemverteilung, nimmt sich der Obdachlosen, Gastarbeiter und Alten an. Nie verfällt Blüm in politische Blauäugigkeit; seine sozial-radikalen Argumente orientiert er an der Wirklichkeit. Seine Belege dazu sind noch treffender als seine Bonmots.

"Blüm hätte auch in der SPD seinen Ärger", meint Bundesentwicklungsminister Erhard Eppler: "Aber es käme in der Sache mehr dabei heraus." Man kann dagegen wetten. Norbert Blüm – ein Wolf Biermann der CDU – will bleiben, wo er ist: Die Chancen auf Gehör sind für den Rufer in der Parteiwüste dabei größer. Jetzt kandidiert er, hoffentlich mit Erfolg, in Ludwigshafen für den Bundestag.