Hoffen auf Bonn, aber Moskau bestimmt das Tempo / Von Andreas Kohlschütter

Sofia‚ im Oktober

In dem modernen und bereits für eine Botschafterzukunft eingerichteten Haus der Handelsvertretung der Bundesrepublik Deutschland in Sofia knallten die Sektkorken. Begossen wurde die Erstaufführung einer deutsch-bulgarischen Koproduktion: Erstmals nach 1945 kam es in der vergangenen Woche zwischen den beiden Ländern zu politischen Grundsatz- und Ausgangsgesprächen von Außenministerium zu Außenministerium.

Die Stimmung in dem kleinen Kreis, in dem eine politische Verlobung, aber noch keine diplomatische Hochzeit gefeiert wurde, war ausgesprochen herzlich und hoffnungsvoll. Vergessen waren die leidigen Quarantänejahre von 1964 bis 1970, in denen die Bonner Vertretung, einquartiert in schäbigen Büroräumen über einem Schuhgeschäft an der Vitoscha-Straße, von den Bulgaren geschnitten und der Kontakt auf einem handelspolitischen Minimum gehalten wurde. Jetzt konnte der Leiter der deutschen Handelsmission, von Keiser, sein Glas auf die „von beiden Seiten erwünschte vollständige Normalisierung“ erheben. Und Stojan Georgieff, Chef der Abteilung Westeuropa, sprach für die bulgarische Regierung von dem „wunderbaren Gefühl der Freude, wenn man eine Schwalbe sieht“ – womit er den aus Bonn hergereisten Ministerialdirigenten Diesel vom Auswärtigen Amt meinte.

Die Bulgaren sind sichtlich erleichtert darüber, daß ihnen die Lage in Europa und auch der Kreml erlauben, der Bundesrepublik Schritt um Schritt näherzukommen. Brandts Ostpolitik habe es möglich gemacht, daß sich der hier vorhandene Goodwill für das Deutsche und für die Deutschen auch in Richtung Bonn auswirken kann.

Rücksicht auf die Freunde

Einer vollen diplomatischen Anerkennung zwischen Bonn und Sofia steht nichts Grundsätzliches mehr im Wege. Dieser Schritt ist, wie betont wird, nur eine „Frage der Zeit“ – und natürlich auch eine Frage der hier im Lande so oft und inbrünstig beschworenen „Liebe zur Sowjetunion“. Weil die Sowjets auf Ostberlin und Prag Rücksicht nehmen wollen, haben auch die Bulgaren Rücksicht zu nehmen. Bevor Bonn nicht den Grundvertrag mit der DDR ausgehandelt hat und mit Prag nicht die Zauberformel über das Münchner Abkommen gefunden ist, wird sich kein bulgarischer Botschafter am Rhein blicken lassen. Das wurde jetzt dem Emissär des Auswärtigen Amtes von seinen Sofioter Gesprächspartnern unmißverständlich klargemacht. In der Diplomatensprache eines hohen Beamten: „Die Bundesrepublik Deutschland hat sehr interessante Gespräche mit Prag und Ostberlin, die in Bonn optimistisch beurteilt werden. Wir möchten nicht diesen Optimismus und diese Gespräche stören.“