Von Helmut Schmidt

Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg war innerhalb der Bandbreite der Politik unseres Landes ein Konservativer. Wenn ich ihn so charakterisiere, dann muß ich sofort zögern und die Frage stellen: "Was ist eigentlich ein Konservativer?"

Es gibt vielerlei Definitionen, von denen die meisten im Bewußtsein vieler Bürger eine negative Schlagseite haben. Guttenberg selber hat mehrfach zu erklären versucht, was er unter einem Konservativen verstand. In einem seiner Bücher findet sich die folgende Lesart: "Einsichten und Wertvorstellungen, die konservatives Denken und konservative Politik als solche erkennen lassen, sind vor allem: Sachgerechtigkeit, Ideologiefeindlichkeit, Einsicht in die Unzulänglichkeit menschlicher Unvernunft, Abneigung gegen Spekulation und abstrakte Systematik, Bejahung der geschichtlichen Kontinuität und Anerkennung der Notwendigkeit von Ordnung und Autorität; alles dies ist für den Konservativen aber nur Voraussetzung und Mittel für sein eigentliches Ziel: die Verwirklichung der Würde und Freiheit des Menschen im steten, evolutionär begriffenen Wandel der Geschichte."

Viele dieser Vorstellungen sind gewiß manch anderer politischen Grundeinstellung ebenso zugeordnet – Kurt Schumacher hätte sie in ähnlicher Fassung unterschreiben können und Thomas Dehler auch. Gleichviel – ob diese Definitionen des Konservativen ausreichen oder nicht: Der Politiker Guttenberg hat nach diesen Vorstellungen gelebt und gewirkt, seit ich ihn 1957 im Deutschen Bundestag kennengelernt habe. Schon seine eigene Deutung des Konservativen zeigt aber, daß dieser Mann schlecht in Schablonen hineinpaßt.

Er war ein gläubiger, an den Vorstellungen des alten christlichen Abendlandes orientierter Katholik; aber sein Glaube verführte ihn nicht dazu, intolerant gegen Andersgläubige zu sein. Klerikalismus war ihm fremd. Er war führendes Mitglied der CSU, aber Parteisolidarität hat ihn nicht daran gehindert, gelegentlich sehr hart gegen seinen Parteivorsitzenden Strauß Stellung zu beziehen, er blieb handfest und mannhaft bis hin zu einem ihm drohenden Parteiausschluß, aber er trieb es nicht dahin, daß er als Anführer einer Fronde hätte bezeichnet werden können. Er war ein Mann von festen Überzeugungen; und er konnte auch seine politischen Gegner zum Nachdenken zwingen. Wegen seiner Aufrichtigkeit war er ein ernstgenommener Widersacher, wenngleich er, vor allem in seinen ersten Bundestagsjahren, die polemische Auseinandersetzung liebte.

Mit Guttenberg ist einer der wenigen wirtschaftlich völlig unabhängigen Abgeordneten von uns gegangen; ein reicher Mann, der einen großen Besitz mit vielerlei Unternehmungen verwaltete. Von dieser ökonomischen Unabhängigkeit war in diesen Tagen in vielen Nachrufen die Rede, so als ob sie die eigentliche Voraussetzung für seine geistige Unabhängigkeit gewesen sei. Gewiß hat es in der Geschichte des Parlamentarismus viele Fälle gegeben, in denen Abgeordnete nur dank ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit den Mut fanden, ihr eigenes Urteil zu vertreten; es hat freilich mindestens ebenso viele gegeben, die mit Mut und Beharrlichkeit ihre eigene Meinung verfochten, obschon sie ökonomisch abhängig waren und dergestalt auch unter Druck oder Nötigung gesetzt werden konnten. Aber diese Art der Betrachtung wird dem toten Guttenberg, so glaube ich, nicht gerecht. Denn seine äußeren Lebensumstände waren seit langem ganz unerheblich geworden, als es für ihn darauf ankam, Jahre und Monate, Tage und Nächte dem Tode entgegenzugehen. Die Tapferkeit, mit der er dies tat, die Gelassenheit in Gott und gleichzeitig doch die unverminderte Zähigkeit, mit der er erfüllte, was ihm als seine Pflicht erschien – das alles zusammen hat uns einen Mann erleben lassen, der abhängig war nur von seinem Gewissen.

Bei Guttenberg wirkten seine Erlebnisse und die seiner Freunde und Verwandten im nationalsozialistischen Deutschland tief nach. Politik bedeutete für ihn zugleich immer: zu verhindern, daß jemals wieder in Deutschland eine Diktatur entstehen könne. Dabei wußte er, daß in der Weimarer Republik viele Konservative sich blind oder schamlos mit den Nationalsozialisten eingelassen hatten und somit am grauenhaften Mißerfolg des ersten Demokratieversuchs in Deutschland mitschuldig waren. Er hat als junger Mann die Konsequenz gezogen und den richtigen Weg gesucht.