Demonstrativ hatten die Daimler-Techniker Schnittmodelle der Vorder- und Hinterachse bereitgestellt, als sie vergangene Woche im spanischen Bagur ihre neuen Modelle 280 S bis 350 SE vorstellten. Eine völlig neue Vorderachse – nach dem Vorbild des C III entwickelt – und eine ebenfalls neue Hinterachse sollen der S-Klasse wieder. jene Überlegenheit im Fahrverhalten sichern, wie man sie seit den Zeiten der „Schwingachse“ vor dem Kriege mit der Marke verband, die beim Pendelachsen-Fahrwerk der bisherigen größeren Modelle aber zunehmend dahingeschwunden war.

Besonderes Kennzeichen der neuen Vorderachse ist der „Lenkrollradius null“. Dahinter verbirgt sich der Trick, die Vorderräder gewissermaßen ohne Hebelarm aufzuhängen. Einflüsse von der Straße (Schlaglöcher, Neigungen), aber auch etwa durch unterschiedliche Fahrbahn-Oberflächen rechts und links (Eis!) ungleich ziehende Bremsen und selbst Reifenschäden haben hier kaum einen Einfluß auf den Kurs des Wagens. Technisch ist dazu interessant, daß jetzt auch Mercedes wieder von einem „Fahrschemel“ abging, der die Achse mit einem Hilfsrahmen an der Karosserie lagerte – die neue Achse ist direkt (in voluminösen Gummielementen) in der selbsttragenden Karosserie aufgehängt. Das spart Platz und sichert so Reserven für vielleicht notwendig werdende Zusatzaggregate, etwa für einen Abgas-Entgifter.

Auch die Hinterachse der S-Klasse ist neu: Es handelt sich um eine Schräglenkachse, bei Daimler-Benz „Diagonal-Pendelachse“ genannt. Bei besseren Autos ist eine solche Konstruktion heute obligatorisch.

Völlig neu ist die Karosserie. Mercedes gelang es, die Innenmaße zu vergrößern (vor allem durch einen um 11,5 cm längeren Achsabstand), viel für die Sicherheit zu tun, die Scheiben zu vergrößern und damit die Sicht zu verbessern – optisch aber läßt sich der Wagen von weitem als Mercedes erkennen. Diesem Symbolcharakter mißt man gerade in Sindelfingen große Bedeutung bei – und damit bildet der Wabenkühler eine conditio sine qua non.

Er wurde noch einmal niedriger und noch einmal breiter. Flankiert wird er jetzt von Breitscheinwerfern, die beim 350 SE serienmäßig mit Halogenlampen (H 4) bestückt sind und auf Wunsch mit einer Wisch- und Waschanlage versehen werden können. Die Windschutzscheibenpfosten lenken den Luftstrom so, daß sich Schmutz vom Vordermann nicht auf den Seitenscheiben absetzen kann, die wieder parallel schlagenden Scheibenwischer heben auch bei sehr hohem Tempo nicht ab, die stark gerippten Rückleuchten-Gläser bleiben auch bei winterlichem Sauwetter lichtdurchlässig, und der Außenspiegel läßt sich von innen verstellen – Liebe zu Sicherheits-Details ist bei Mercedes schon Tradition.

Die Motoren sind bereits bekannt: Im 280 S sitzt der aus dem kleineren 280 vertraute 2,8-Liter-Sechszylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen und einem Vergaser, der 160 PS auf die Bremse bringt. Der 280 SE besitzt dieselbe Maschine mit elektronischer Bosch-Benzineinspritzung und 185 PS. Sie. ergeben 200 beziehungsweise 190 km/st Spitze und bringen das 1615 kg schwere Auto in 10,5 und 11,5 Sekunden auf 100 km/st – gewiß gute Werte, aber die kleineren Modelle 280 und 280 E mit denselben Motoren zeigen den Großen das Auspuffrohr. Richtigen Pep entwickelt dann der 3,5-Liter-V-8 mit 200 PS, mit dem die 100 km/st-Marke nach 9,5 Sekunden überschritten wird und mit dem man 205 km/st schnell sein kann, der dazu besonders leise und geschmeidig läuft. Für Mai 1973 ist ein 4,5-Liter-V-8 (mit 225 PS) geplant, später im nächsten Jahr hält man sogar einen 6,9-Liter-V-8 bereit.

Das Fahrverhalten wird durch die gute Sicht bestimmt, durch die jetzt serienmäßige Servolenkung mit beträchtlich reduziertem Untersetzungsverhältnis, mit der sich das große Auto fast spielerisch beherrschen läßt. Alles geht leicht, alle Bedienungselemente liegen tadellos zur Hand, und die Fertigungsqualität machte schon bei den ersten Wagen den gewohnten Panzerschrank-Eindruck. Die neue Automatik mit Wandler (statt hydraulischer Kupplung) erweist sich als Vorteil – Stuckern und Ruckeln gehören jetzt wirklich der Vergangenheit an.

Gegenüber ihren Vorgängern wurde die S-Klasse um etwa 2500 Mark teurer; der 280 S beginnt bei 23 809,50 Mark, der 280 SE kostet 25 530 Mark, der 350 SE 28 860 Mark (ohne Sicherheitsgurte und ohne Kopfstützen). 300 Wagen will man zunächst täglich bauen, und ist schon für ein halbes Jahr ausverkauft. St. W.