Von Jacob Silbermann

Der Titelkampf Spasskij–Fischer warf viele fragen auf, vor allem die uralte, nie gelöste: Was ist das Schach eigentlich?

„Seinem Wesen nach ist es ein Spiel, seiner Form nach eine Kunst, seiner Darstellung nach eine. -Wissenschaft“, meinte von der Lasa, Deutschlands angesehenster Schachtheoretiker im vorigen Jahrhundert. Seine Definition blieb umstritten. „Als die Menschen tiefer in das Wesen des Schachspiels eindrangen und seine Schönheit zu schätzen lernten, da hörte das Schachspiel auf, ein Spiel zu sein“, sagte Botwinnik. Dr. Lasker wiederum bestritt, daß der „Theaterkrieg“, dem er sein Leben gewidmet, der „hehren“ Kunst oder der „strengen“ Wissenschaft gleichzusetzen sei.

Aber die moderne Auffassung von Kunst, die das Ursprüngliche des Schaffensprozesses in den Vordergrund stellt, scheint das Schach nicht auszuschließen. Auch die Ästhetik hat sich gewandelt, sie verwirft den Grundsatz nicht, als schön gelte nur, was auch zweckmäßig sei, der im Schach postuliert wurde; denn „allein die Mittelmäßigkeit rebelliert gegen die Zweckmäßigkeit“, fand Karl Kraus. Das Schachspiel, für seine Logik viel bewundert; wird heute nicht länger als „nutzlos“ angesehen werden, da eine wissenschaftliche Disziplin sich der Zukunftsforschung Zuwendet.

Denn die eigentliche Dimension des Schachs ist die Zukunft. Nicht die Stellung der Figuren auf dem Brett, sondern jene Position, zu der die Spieler nach Durchrechnung oft sehr komplizierter Zugreihen in Gedanken gelangen, bestimmt die Wahl des Zuges. Mit jedem Zuge ändert sich das Bild der Schachpartie, in der Vergangenes nicht zählt und die gegebene Stellung – die Gegenwart – der Erkenntnis kommender Dinge dient. Richtiges Schachspiel fordert und fördert die Gabe der Voraussicht, eine Art konkreter Prophetie. Im Verlauf vieler Jahrhunderte hat die Schachtheorie Methoden entwickelt, um die Richtigkeit von Gedanken schlüssig zu beweisen. Das Richtige spricht nicht für sich selbst, es ist auch weniger attraktiv als der Fehler, der – gleich der Sünde – verlockender scheint. Die Schachtheorie hat eine Beweislehre, die analytische Methodik, und sehr genaue Maßstäbe für richtig und falsch erarbeitet; ihre Denkmodelle sollten nicht auf das Schachspiel beschränkt bleiben.

Während diese Zeilen erscheinen, findet in Jugoslawien die XX. Schacholympiade statt. Könnte man also Schach als Sport bezeichnen? Das wäre schon vom Standpunkt des Zuschauers unzutreffend. Bei Sportveranstaltungen ist die Rolle des Publikums auf das Zuschauen beschränkt: Viele sehen zu, wie wenige agieren. Die Zuschauer einer Schachpartie indes vollbringen eine der Struktur nach ähnliche Denkleistung wie die Spieler, deren Züge sie nachvollziehen. Für das Verständnis der Partie ist die Mitwirkung der Zuschauer, das Miterleben auf derselben gedanklichen Ebene, unerläßlich. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten tun sie das gleiche wie die Akteure, insofern ist Schach ein sinnvolles Spiel für die moderne Gesellschaft.

Schach gehört also in den Bereich der Kultur und wurde vom „Kulturpessimismus“ nicht verschont. Der Untergang dieser Gabe des Morgenlandes wurde vor einem halben Jahrhundert prophezeit. Die ständige Entwicklung der Schachtheorie, befürchtete Capablanca, müsse unweigerlich zum Remis-Tod führen. Ein halbes Jahrhundert nach dieser düsteren Prognose zeigte sich, daß die Verfeinerung der Schachtechnik die Verwertung auch geringfügiger Vorteile ermöglicht und daß die Schachwelt vom Remis-Tod weiter entfernt ist als je zuvor.