Von Carl-Christian Kaiser

Freiburg, im Oktober

Schon am Abend des Tages, an dem die Zeitungen das Debakel gemeldet hatten, war die Welt der Freien Demokraten wieder halbwegs in Ordnung. Es sollten ja, so ließ sich FDP-Generalsekretär Karl-Hermann Flach vor den 500 im Hotel „Stadt Freiburg“ zur Weinprobe versammelten Journalisten aus, irgendwo Kommunalwahlen gewesen sein – aber davon wolle man sich die Stimmung nicht verderben lassen. Und wie schon zuvor auf dem Parteitag in der Freiburger Stadthalle beschwor er das Talent der Freien Demokraten, „fröhlich am Rande des Abgrunds zu leben“.

In der Tat, wer erwartet hatte, daß Delegierte und Führungsmannschaft der FDP mit hängenden Köpfen zum letzten Appell vor der heißen Phase des Wahlkampfs antreten würden, wer geglaubt hatte, die FDP würde sich nun auf der Zielgeraden wieder einmal von der Fünf-Prozent-Hürde bedroht fühlen, der hatte sich getäuscht. Auf der Weinprobe war von einer Existenzangst der FDP schon gar nichts zu spüren. Die Kreszenzen aus dem Vulkangestein des Kaiserstuhls ließen so entfernte Gegenden wie Niedersachsen und Hessen rasch in Vergessenheit geraten. Im weiteren Verlauf des Abends wollte Walter Scheel von dem Stichwort „Kommunalwahlen“ überhaupt nichts mehr wissen, sondern engagierte, nachdem die Niederrimsinger Trachtenkapelle ohnehin alle Gespräche mit stampfenden Polkarhythmen überdröhnte, flugs eine Freie Demokratin zum Tanz. „Der Chef schlägt Haken“, spottete einer.

Aber Haken zu schlagen, nach kunstvoll geschwungenen Interpretationen des niedersächsischen und hessischen Wählervotums zu suchen, das hatte die Parteiführung gar nicht nötig. Die Freien Demokraten haben gelernt, sich am Rande des Abgrunds einzurichten und jenes Wechselbad auszuhalten, das für sie die rasche Abfolge von Stimmengewinnen und Stimmenverlusten bei den verschiedenen Wahlen bedeutet. Mehr noch: Nachdem der Schock des Abrutschens in die Nähe der Fünf-Prozent-Grenze bei den letzten Bundestagswahlen längst überwunden ist, gleicht die FDP jenem Patienten, der sich nach einer fast tödlichen Krise einen gewissen Stoizismus zugelegt hat, der sich mehr denn je auf das konzentriert, was er für richtig hält und sich von den Launen seiner Umgebung nicht irritieren läßt.

So gehörte es denn in Freiburg zu den Tugenden eines echten Liberalen, daß er die Ergebnisse der Kommunalwahlen nicht als Menetekel, sondern nur als Warnzeichen zur richtigen Zeit empfand. Die Frage zum Beispiel, ob nicht die FDP-Einbußen gerade in den urbanen Regionen der beiden Länder, also dort, wo die Partei besonders viele Anhänger vermutet, ein sehr ernst zu nehmendes Signal seien, wurde nicht weiter erörtert. Im Gegenteil, gerade diese Entwicklung wurde als Beweis liberaler Aufgeklärtheit gedeutet: Zumal die städtischen Wähler, so lautete eine Version, seien sich darüber im klaren, daß die kleine FDP kommunalpolitisch wenig auszurichten vermöge – also hätten sie in diesem Fall die SPD oder auch die CDU gewählt, am 19. November hingegen würden sie sich der bundespolitischen Bedeutung der Freien Demokraten wohl bewußt sein.

Aber diese analytische Filigranarbeit war bei der Auslegung des Wählervotums gar nicht gefragt. Die Parteispitze setzte auf den Ansporn durch die Niederlage, oder genauer: ihr war die Dämpfung jener Euphorie nicht unwillkommen, die sich wenige Wochen vor der Bundestagswahl in den Reihen der FDP ausgebreitet hatte. Denn die Freien Demokraten fühlen sich nicht nur schon lange von der tödlichen Bedrohung durch die Fünf-Prozent-Klausel befreit, sie meinen auch, daß es sich zwischen den beiden großen Rivalen immer besser leben läßt. Die Parteitage der CDU und SPD haben sie in dieser Ansicht bestärkt. Schon vor dem Freiburger Treffen konstatierte Karl-Hermann Flach zum Beispiel, die Union habe ihre Führungsprobleme nicht verbergen können und sich etwas mehr in die rechtskonservative Ecke bewegt, während die SPD wieder stärker als klassische Arbeitnehmerpartei aufgetreten sei, so daß sich der Spielraum für die FDP in der Mitte vergrößert habe.