Von Klaus Thiele-Dormann

Das kleine Blatt war nicht rot. Aber auch schwarz mochte es nicht werden. Und weil viele Leute es für farblos hielten, waren sie ihm nicht so recht grün. In diesem Herbst nun fiel es ab: Das Zürcher „Sonntags-Journal“, das sich im Laufe von dreieinhalb Jahren vom anziehend-dilettantisch aufgemachten Lokalblatt zum forschen Wochenmagazin gemausert hatte, existiert nicht mehr.

Der Tod kam plötzlich und selbst für enge Mitarbeiter des Blattes unerwartet: Am 30. September, einem Samstag, wurde der gesamten Belegschaft vom Verwaltungsrat des „Sonntags-Journals“ telegraphisch gekündigt. Wenig später wurde bekannt, daß der Zürcher Verlag Weltwoche AG das Nachrichtenmagazin gekauft habe. Noch zwei Nummern sind erschienen; vorige Woche wurde das Blatt eingestellt. Alle Mitarbeiter des Magazins samt Chefredakteur Rolf Bigler saßen auf der Straße. Die Titelgeschichte der laufenden Woche hieß sinnigerweise: Selbstmord.

Dabei hatte alles recht vielversprechend angefangen. „Dürrenmatt wird Zeitungsmann!“ meldeten Schweizer Zeitungen aufgeregt, als die „Zürcher Woche“ in einer Verlagsmitteilung ankündigte, daß am 28. März 1969 vier Herausgeber und Miteigentümer „die ungeteilte redaktionelle Verantwortung für die von der Zürcher Woche Verlag AG seit dem 1. Oktober 1949 herausgegebene Zeitung“ übernehmen würden.

„Eine spannungsreiche Quadriga hat sich zusammengefunden, die ohne Zweifel den Versuch unternehmen wird, aus dem Wochenblatt von eher lokal-zürcherischem Zuschnitt eine überregionale Wochenzeitung zu machen“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ über das bevorstehende Ereignis. Denn als neue Herausgeber der „Zürcher Woche“, die von nun an energische Schritte zu redaktioneller Unabhängigkeit tun wollten und Geschäft und Gesinnung auseinanderzuhalten versprachen, zeichneten: Der ehemalige „Weltwoche“-Chefredakteur Dr. Rolf Bigler, der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, der Werbefachmann Markus Kutter und der Historiker Jean Rodolphe von Salis.

Erste Amtshandlung des Prominentenquartetts war die Umbenennung der „Zürcher Woche“ in „Sonntags-Journal“. Es folgte eine Grundsatzerklärung der vier Herausgeber, in der festgestellt wurde, daß die „Zürcher Woche/Sonntags-Journal“ sich als unabhängige Wochenzeitung verstehe, daß durch ein Organisationsstatut (Aktionärsvertrag) die klare Trennung zwischen der Zeitung als geschäftlichem Unternehmen und als Meinungsinstrument gewährleistet sei, daß die Zeitung für die nationale Identität der Schweiz eintrete, aber auch die Pflicht zu kritischen Stellungnahmen in allen Fragen der Landespolitik wahrnehmen wolle. Von Arbeitsverträgen oder von einem Redaktionsstatut war in dieser Erklärung nicht die Rede – was später zu unliebsamen Überraschungen führte.

Eineinhalb Jahre lang florierte das „Sonntags-Journal“ mit einer für schweizerische Verhältnisse beachtlichen Auflagenhöhe von mehr als 30 000 Exemplaren. Zweifellos erwies sich der Name Dürrenmatt als besonders zugkräftig, zumal der Dichter sich nicht auf seinen materiellen Anteil an der Zeitung beschränkte, sondern auf einer eigens eingerichteten „Seite der Herausgeber“ regelmäßig zu literarisch-dramaturgischen, kultur- und gesellschaftspolitischen Themen Stellung nahm.