Von Michael Jungblut

In Distelhausen sieht man keinen Grund, das Licht unter den Scheffel – oder in diesem Fall passender: unter den Maßkrug – zu stellen. „Die Distel-Brauerei gehört zu der kleinen Gruppe der deutschen Brauereien, die nicht nur Erfolg, sondern sogar überdurchschnittlichen Erfolg verzeichnen durften“, heißt es selbstbewußt im Geschäftsbericht für 1971. Und dieser Erfolg kann auch mit Zahlen belegt werden.

Während die durchschnittliche Steigerung des Bierausstoßes in Baden-Württemberg bei nur 1,6 Prozent lag und im Bundesdurchschnitt gerade 3,4 Prozent erreicht werden konnten, setzte die Distel-Brauerei elf Prozent mehr Gerstensaft ab als im Vorjahr – und das hatte auch schon einen recht ansehnlichen Zuwachs gebracht. Der Umsatz stieg um zwanzig Prozent auf 14,8 Millionen Mark und der Gewinn vor Steuern um rund siebzig Prozent auf fast 1,8 Millionen Mark.

Ernst Bauer, der Chef des in der Nähe von Würzburg gelegenen Brauhauses hält es angesichts dieser Ergebnisse für erwiesen, daß kleine Brauereien mindestens so wirtschaftlich arbeiten können wie die großen Konzerne. Die günstige Situation der Distel-Brauerei sei „sicherlich vor allen Dingen darauf zurückzuführen, daß durch das Mitdenken der Belegschaft sehr rationell gearbeitet wurde“.

Und dieses Mitdenken dürfte seinerseits wieder vor allem darauf zurückzuführen sein, daß die Mitarbeiter bereits seit 1956 am Erfolg des Unternehmens beteiligt sind. „Wir haben damals verschiedene Wege beschritten und mit kleinsten Schritten angefangen, weil wir viel ärmer waren als heute“, erinnert sich Bauer. „Wir haben zu ausgezahlt, Anlässen Boni gegeben, die aber nicht ausgezahlt, sondern auf einem Betriebskonto gutgeschrieben wurden. Wir haben abwechselnd Prämien verteilt, einen Teil des Gewinns ausgeschüttet oder Investivlöhne – zehn bis zwanig Pfennig je Stunde – zusätzlich zum Lohn gezahlt. Es war aber damals immer nur für einen begrenzten Zeitabschnitt, um kein Gewohnheitsrecht zu schaffen.“

In den ersten Jahren wurden der Zeitpunkt und die Art der Verteilung (nach Köpfen oder nach Leistung) nach Gutdünken von der Geschäftsleitung bestimmt. Später wurden diese Ausschuß dungen einem paritätisch besetzten Ausschuß übertragen, der auch die Verzinsung der Beträge auf den Mitarbeiterkonten beschloß. Der Zins schwankte je nach Ertragslage zwischen null und zehn Prozent. Dabei plädierten die Mitglieder der Geschäftsleitung im Ausschuß oft für einen höheren Zinssatz als die Arbeitnehmervertreter. Betriebsrat Otto Biwer erklärt diese scheinbar, verkehrten Fronten so: „Wir konnten von uns aus nicht immer voll übersehen, was der Betrieb verkraften kann, und waren deshalb etwas vorsichtiger. Es liegt ja nicht in unserem Interesse, das Unternehmen über Gebühr zu strapazieren.“

Auch wenn in den Anfangsjahren die Beteiligung der Mitarbeiter noch unsystematisch war, so war das Motiv doch das gleiche wie heute. Auf der einen Seite wollte Ernst Bauer für das Wachstum des Betriebes Kapital sammeln und dabei die Vorteile nutzen, die sich aus der geringeren steuerlichen Belastung der Arbeitnehmer ergaben. „Auf der anderen Seite haben wir damals schon gemeint, daß unser Wirtschaftssystem verbessert werden muß. Die Mitarbeiter müssen am Betrieb interessiert sein, damit sie ihrerseits an einer wirtschaftlichen Arbeitsweise interessiert sind.“