Zwei arabische Luftpiraten haben am Sonntag die Freilassung der drei palästinensischen Terroristen erzwungen, die an dem Überfall auf die israelische Olympia-Mannschaft beteiligt gewesen waren und die Schießerei in Fürstenfeldbruck überlebt hatten. Nach dem Start des planmäßigen Lufthansa-Linienfluges Damaskus–Beirut–Ankara–München in der libanesischen Hauptstadt brachten sie die Maschine in ihre Gewalt und erzwangen die Landung in Nikosia/Zypern. Die dreistrahlige Boeing 727 hatte insgesamt 13 Passagiere und sieben Besatzungsmitglieder an Bord.

Nach dem Auftanken in Nikosia flog die Boeing nach Zagreb, tankte dort erneut und startete in Richtung München, wo sie gegen 12.00 Uhr erschien. Die Entführer wollten jedoch in München nur landen, wenn die drei Gefangenen bereit stünden. Da sie so schnell nicht herbeigebracht werden konnten, kehrte die Lufthansa-Maschine nach Zagreb zurück und begann dort mit einem stundenlangen Warteflug.

Inzwischen hatten die drei Terroristen in München zusammen, mit dem Vorstandsvorsitzenden der Lufthansa, Culmann, eine zweistrahlige Condor-Maschine bestiegen. De Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung waren zwar grundsätzlich bereit, die drei. Palästinenser freizulassen. Ungeklärt war aber zu diesem Zeitpunkt, wie und wo die Übergabe und dann die Freilassung der Geiseln stattfinden sollte.

An Bord der kreisenden Boeing wurde die Lage kritisch, ab der Treibstoff zu Ende ging und die Entführer die Nerven zu verlieren drohten. Auf einen dringenden Ruf des Kommandanten hin ordnete Culmann den Start der Condormaschine nach Zagreb an. Beice Flugzeuge landeten kurz nacheinander, die drei Terroristen wechselten das Flugzeug und das Lufthansa-Flugzeug hob zum Flug nach Tripolis/Libyen ab. Die Entführer hatten von Anfang an abgelehnt, ihre Geiseln schon in Zagreb Zug um Zug gegen die Attentäter freizugeben. Die libyschen Behörden behandelten Passagiere und Besatzung korrekt.

Die Entführungs-Aktion hat das deutsch-israelische Verhältnis schwer belastet. Regierungsmitglieder in Jerusalem verurteilten den „Kleinmut“ der Bundesrepublik und das „schwächliche Nachgeben“ der Bundesregierung. Außenminister Eban überreichte dem deutschen Botschafter eine Protestnote; die israelische Presse reagierte zornig und verbittert auf die „Kapitulation“ Bonns. Eine ähnliche Haltung – „Härte, auch wenn im Einzelfall gefährlich“ – verlangte das amerikanische Außenministerium.

Einen Tag nach der erzwungenen Befreiung flogen israelische Flugzeuge zweimal Ziele in Syrien an und bombardierten vier Stützpunkte der Palästinenser in der Nähe von Damaskus. Vereinzelt wurden Stimmen laut, die forderten, auch Libyen künftig zu bombardieren.

In der arabischen Welt ist der Befreiungsakt als Heldentat gefeiert worden. Das einmütige Lob hat Bundeskanzler Brandt zu einer ernsten Warnung veranlaßt: Die arabischen Regierungen müßten einsehen lernen, daß sie mit solchen Aktionen nicht ihren Interessen dienten.

Auch innenpolitisch ist der Streit noch nicht ausgestanden. Der Krisenstab will sich mit Culmanns eigenmächtiger Entscheidung befassen, die Opposition mit den mangelhaften Vorbereitungen Bonns für diesen vorhersehbaren Fall.