Am 20. August 1940 wurde Leo Trotzkij in seinem Exil in einem Vorort von Mexico City ermordet; der Täter, ein Agent von Stalins Geheimpolizei, hatte sich mit Hilfe einer ahnungslosen Mitarbeiterin Trotzkijs den Zugang zu dessen Haus verschafft, das wie eine Festung bewacht wurde.

Ein Losey-Thema: Eingeschlossene, psychisch und physisch von der Außenwelt abgekapselt; die Beziehungen in diesem hermetischen Terrain seltsam ritualisiert und von einem morbiden oder unwirklichen Interieur geprägt; der Eindringling als das Moment der Irritation, der Bedrohung.

Das äußerst kühl und präzise kalkulierte Protokoll eines gleichsam determinierten, mechanischen Geschehens, der distanzierte Blick in ein menschliches Panoptikum, auf komplexe Figuren jenseits bekannter Identifikationsmuster und Kinohelden – die meisten Filme Loseys folgten diesem Muster, und auch seine nächsten Projekte (Ibsens „Nora“, Prousts „A la recherche du temps perdu“, Romanverfilmungen von Malcolm Lowry und Joseph Conrad) dürften es höchstens variieren.

Kaum ein Filmregisseur erreicht heute so intensives, diszipliniertes Spiel. Romy Schneider als Werkzeug des Mörders: ein strenges, herbes Fräulein mit glatt zurückgekämmten Haaren und kantigen Bewegungen, fanatisch für Trotzkij begeistert, manchmal wie erstaunt über das eigene erotische Feuer, weil sie die große Liebe nie erwartet hatte; sie spielt diese Hörigkeit und zugleich den uneingestandenen Selbstbetrug, wenn sie die aufkeimenden Zweifel und Skrupel an ihrem rätselhaften Geliebten erstickt. Ein großartig gelungenes Porträt.

Alain Delon bewegt sich eher in gewohnten Bahnen. Das Gesicht eine undurchdringliche Maske, das Gebaren statuarisch; Phasen langen, dumpfen Brütens wechseln mit solchen einer unverhohlenen inneren Erregung, etwa beim Stierkampf, wo er zum Matador wird, sich dessen Ruhm ersehnt; bald ist er brutal zu seiner Freundin, die für ihn wohl nicht nur Mittel zum Zweck ist, dann wieder verklemmt, vor Männern weicht er unwillkürlich zurück. Ein labiler, schwacher Mensch, ein Nichts: Nach dem Mord, zusammengeschlagen, heult er, schreit er nach seiner Mutter. Später, auf die insistierende Frage, wer er sei, antwortet er, zerbrochen und doch stolz: „Ich habe Trotzkij getötet.“ Das allein, diese Tat, ist er.

Schließlich Richard Burton: Das Gesicht sieht man nur selten groß, die Aura bekommt die Figur allein durch die Konstellation, die Handlung. Ein kauziger, mißtrauischer Alter, manchmal fahrig und unwirsch; eher robust als durchgeistigt. Das hat, trotz Brille und Spitzbart und (schlecht sitzender) Perücke, wenig zu tun mit Trotzkij.

Auch der Film nicht, so sehr sich das Drehbuch um eine politische Dimension bemüht. Es wirkt komisch und aufgesetzt, wenn Burton in Haus und Garten herumstakst und plötzlich echte Trotzkij-Passagen deklamiert, wenn der Film immer wieder politische, historische, biographische Reminiszenzen unterzubringen versucht. Weder der Vorspann der Constantin mit Trotzkij-Bildern in allen Lebensaltern noch der Authentizität versprechende Vorspruch oder die geradezu detailfetischistische Rekonstruktion von Trotzkijs Haus in einem römischen Studio machen aus dem Film „Das Mädchen und der Mörder“ den Film „Die Ermordung Trotzkijs“. Der klotzige deutsche Titel, so sehr er Romy Schneider erzürnt hat, ist leider fast berechtigt.