Erst schossen sie auf Konserven, dann auf Menschen

Von Werner Birkenmaier

Arnsberg/Sauerland

Die Tat – eine Vergewaltigung – geschah an einem Sonntag, im Juni 1971, zu dem Zeitpunkt also, an dem sich Gewalt- und Sittlichkeitsverbrechen aus doppeltem Grunde zu häufen pflegen: weil es auf den Sommer zugeht und weil Wochenende ist. Den alten Schießplatz bei Ost-Sümmern im Sauerland pflegten Liebespaare aufzusuchen und – man mag es Zufall nennen oder auch nicht – das Freundespaar Rolf Assmann und Volker Bendig, die dort auf Bäume, Konserven und Autoreifen schossen und etwas anderes meinten.

An diesem Wochenende, sagt Assmann, sei Bendig auf den Gedanken gekommen, ein Liebespaar zu „verarschen“. Aus einem alten Unterrock fertigten sie Kapuze und Augenmaske, „weil wir das lustig fanden“. Mit vorgehaltenen Waffen zwangen sie das Liebespaar zum Aussteigen, nachdem Bendig in einen Reifen ihres Autos geschossen hatte. Während Bendig den jungen Mann in Schach hielt – „der Junge flatterte am ganzen Körper“ – führte Assmann das Mädchen ein Stück abseits und vergewaltigte es, wobei er ihm den Trommelrevolver an die Schläfe hielt.

Auf die Frage, warum er das getan habe, antwortete er einmal: „Nur so, aus Langeweile, ich hatte das Gefühl, daß ich da hineingeschlittert bin.“

Warum langweilen sich Menschen? Hat Voltaire recht mit der Behauptung, daß die Langeweile unser größter Feind sei? Verbergen, sich hinter ihr Fehlentwicklungen, die eines Tages ausbrechen können, eruptiv und gewalttätig? Assmann und Bendig haben diesen Sonntag verbracht, wie viele ihn verbringen, man ist herumgefahren, hat Bier getrunken, zehn Glas und mehr und darüber gesprochen, „wie beschissen die Welt ist“. Es fällt nicht schwer, sich solche Sonntage vorzustellen, wie sie heraufziehen, öde und ereignislos, eine Pause zwischen den Arbeitstagen, die man im Grunde fürchtet, weil sie einen auf sich selber zurückwirft.