Von Peter Wapnewski.

So formulierte es 1967 der russische Lyriker Andrej Wosnessenskij: "Poesie steht heute dort, wo es schmerzt, wo schmerzhafte Empfindungen anklingen. Der Dichter sollte dort zu finden sein, wo es den Menschen schmerzt." Und Walter Höllerer präzisierte: "... in der Zone des Widersprüchlichen und Unvermeidbarlichen, und damit in Ungelegenheiten, ‚dort, wo die Zone des Schmerzes ist‘." Der Blick galt Majakowskij, Jessenin, Pasternak, García Lorca; er kann ebensowohl gerichtet sein auf

Peter Huchel: "Gezählte Tage", Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 99 S., 16,– DM.

Um zu rekapitulieren: Peter Huchel, 1903 in Berlin geboren, wuchs heran in der Mark Brandenburg auf seines Großvaters Bauernhof, studierte Literatur und Philosophie, war fünf Jahre Soldat und Kriegsgefangener, veröffentlichte seit 1924 Gedichte und wirkte seit 1949 als Herausgeber von "Sinn und Form": der seinerzeit bedeutendsten literarischen Zeitschrift nicht nur der DDR, sondern des deutschen Sprachbereichs überhaupt. Von ihr nahm er nach dreizehn Jahren 1962 seinen erzwungenen Abschied (mit einem Heft berühmt gewordener Beiträge, das Literaturgeschichte gemacht hat), lebte fast zehn Jahre schweigend im inneren Exil. 1971 dann "ging" er in den Westen, die Akademien in West- und Ostberlin wie der PEN-Club halfen so leise wie tätig, arbeitete in der Villa Massimo als deren Ehrengast; und heute lebt er in der Nähe von Freiburg. (Ein knapper, gleichwohl vielsagender Überblick findet sich in dem Buch "Traditionen und Tendenzen – Materialien zur Literatur der DDR" von Fritz J. Raddatz.) Huchels Werk ist, wie man zu sagen pflegt, schmal. Besteht aus Lyrik (neben weniger Prosa, einigen Hörspielen), aus (jetzt) drei Bänden gesammelter Gedichte: 1948 der erste (weitgehend inhaltgleich dem 1967 bei Piper erschienenen Band "Die Sternenreuse"), 1963 der zweite "Chausseen. Chausseen"; und jetzt, in der neuesten Veröffentlichung weitere dreiundsechzig lyrische Stücke: Insgesamt werden es etwa hundertachtzig sein, das mag zählen, wer will, es sollte jedoch gewogen werden – und wiegt schwer. Huchel ist heute, in der Zeit nach Celan, der bedeutendste Lyriker deutscher Sprache neben Günter Eich (und Ingeborg Bachmann).

Gedichte im siebzigsten Jahr – die Phrase von unseren Tagen, die gezählt sind, wird wörtlich gewendet, jedem von ihnen damit sein Gewicht gegeben. Zeit als die existenzielle Kategorie des Lyrikers, Erinnerung als deren materielle Füllung: Man denkt an Rilkes "Stundenbuch", an "Die gestundete Zeit" der Bachmann, an Celans "Mohn und Gedächtnis". Und der Titel ist wie eine Antwort auf den Anruf des Gedichtes "Hinter den weißen Netzen des Mittags" (aus "Chausseen. Chausseen"): "Nicht zähle die Jahre, zähle die Stunden."

Der Band gliedert sich in fünf Gruppen zu je zehn bis siebzehn Gedichten. Die zweite Gruppe wird eingeleitet durch Verse, die dem Ganzen seinen Titel gegeben haben:

"Gezählte Tage, Stimmen, Stimmen, vorausgesandt durch Sonne und Wind"