Von Bernd Rosema

Vechta

Die drei vierbeinigen Herren hatten es gemütlich: „Seit vielen Jahren saßen sie im südoldenburgischen Raum auf einem altmodischen schwarzen Sofa und frönten der Beschaulichkeit. Es war inzwischen selbstverständlich geworden, daß sie dort saßen, es war so selbstverständlich wie das Gelbe im Ei und das Amen in der Kirche.“ Dann freilich ist es plötzlich aus mit der Beschaulichkeit: Ein orange-roter Dackel namens „Lumpi“ bringt diese vierbeinigen Herren in Bewegung, und nach fünf Jahren haben sie „die Schnauze voll“: Sie geben das schwarze Sofa frei.

Der rote Hund aber, der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans „Lumpi“ Lemp, 43, aus dem südoldenburgischen Vechta, empfiehlt sich mit dieser Comic-Strip-Fabel – erzählt und gezeichnet von dem Pardon- und Hör zu-Cartoonisten Volker Ernsting – für die Sofa-Nachfolge. Im schwärzesten Wahlkreis der Bundesrepublik, den Landkreisen Vechta und Cloppenburg, glaubt der optimistische Sozialdemokrat („Mir fehlen nur noch 30 Prozent an der absoluten Mehrheit“) am 19. November erstmals größere Stimmengewinne für seine Partei einfahren zu können.

Der Optimismus ist begründet. Zwar hat der gelernter Forstwirt nach wie vor keine reelle Chance auf ein Direktmandat seiner auch politisch beharrlichen Landsleute (CDU-Stimmenanteil 1969: 73,1 Prozent), aber „die Traumgrenze von 30 Prozent für die SPD“ (Lemp) scheint ihm jetzt erreichbar: Mit der Bonner Parlamentsauflösung endete auch die Amtszeit von drei CDU-Veteranen, die im Wahlkreis 27 bisher ein denkbar sorgenfreies Politiker-Dasein geführt hatten: Der frühere Wirtschaftsminister Kurt Schmücker und die Hinterbänkler Dr. Hermann Siemer und Franz Varelmann, beides Listen-Abgeordnete, wurden von ihrer Partei nicht wieder nominiert. Schmückers Wahlkreis-Erbe, mit der Nominierung schon so gut wie gewählt, ist ein weithin unbekannter Sparkassen-Angestellter.

Diesem christdemokratischen Bundestagsnovizen namens Manfred Carstens, der bereits volltönend verkündet, er werde sich „hauptsächlich um die Wirtschaft“ kümmern, hat der 1967 in den Bundestag nachgerückte SPD-Kandidat zwar nicht die politische Erbpacht, aber doch die größere Bonner Erfahrung voraus: Fünf Jahre Bonn sind in einer Landschaft, die 23 Jahre von dem CDU-Mann Schmücker vertreten wurde, fast schon ein Argument – und das spielt der SPD-Mann genüßlich aus. Niemals fehlt in seinen Wahlanzeigen der Hinweis „Mitglied des Agrarausschusses“, und auch die karge Bonner Würde eines „Berichterstatters für Umweltschutz“ muß gelegentlich herhalten.

Der chancenlose Underdog Lemp – sein 23. Platz auf der niedersächsischen SPD-Landesliste gilt als relativ sicher. bestreitet einen der aggressivsten und zumindest originellsten Wahlkämpfe der Bundesrepublik. Wie in seinem Wahlkreis-Comic, in dem seine bisherigen Wahlkreiskollegen als der fettleibige Boxer „Kurt“ (Schmücker) und der vornehm-hochnäsige Jagdhund „Hermann“ (Siemer) dargestellt werden, läßt sich „Lumpi“ Lemp auch in Zeitungsanzeigen, auf Posters, Ansteckknöpfen und Autoaufklebern als orange-roter Dackel „Lumpi“ feiern. Er empfiehlt sich den verlassenen CDU-Wählern als „Ihr Mann in Bonn – seit fünf Jahren“.