Schlammringkämpfe vor der Wahl eines Vorstandes

Von Gottfried Sello

Man soll vor einer Wahl nicht zu viel von einer Krise reden, damit kann man die Wahl oder das Gesicht leicht verlieren, selbst wenn es sich nur um die Wahl zum Vorstand eines Kunstvereins handelt. Für den kommenden Montag hat der stellvertretende oder geschäftsführende Vorsitzende des Hamburger Kunstvereins eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen: Der Hamburger Kunstverein hat nämlich keinen Direktor mehr und einen Vorstand auch nicht.

Die Person, die den Vorstand zerspalten, die Neuwahlen notwendig gemacht hat, der Stein des Anstoßes ist Manfred de la Motte. Lange und gründlich hat der Hamburger Kunstverein im vergangenen Jahr nach einem künstlerischen Direktor gesucht, und nun sucht er schon wieder nach einem, obgleich er sich doch damals für de la Motte als den bestqualifizierten Mann entschieden hatte. Und jetzt hat der Vorstand oder der derzeitig amtierende Rumpfvorstand nichts Dringenderes zu tun, als sich von diesem Mann zu trennen. Im April 1972 hat de la Motte mit der Arbeit angefangen. Und bereits im September wurde das Arbeitsverhältnis „mit Wirkung zum 31. Dezember 1972 im beiderseitigen Einvernehmen aufgelöst“. In der letzten Woche schließlich hat man ihm buchstäblich den Stuhl vor die Tür gesetzt. Der kommissarische künstlerische Direktor des Kunstvereins, Dr. Hans Gerd Tuchel, hat den Schreibtisch des laut Auflösevertrages bis Jahresende noch im Amt befindlichen Direktors Manfred de la Motte ausgeräumt und die Sachen, darunter Unterlagen für laufende und künftige Projekte, in den Korridor befördert, er hat außerdem in einem Rundfunkinterview Dinge gesagt, auf die man nur mit einem Prozeß antworten kann.

Was, fragt man sich, ist in Hamburg geschehen, das solche ungewöhnlichen und nicht nur für den Betroffenen peinlichen Maßnahmen rechtfertigen könnte?

Manfred de la Motte ist nicht mit der Portokasse durchgebrannt. Die strengen Herren vom geschäftsführenden Vorstand haben ihm nichts dergleichen, nichts Kriminelles vorzuwerfen. Auch an seiner künstlerischen Befähigung für diesen Posten, für die Leitung eines Kunstvereins, bestehen ernsthaft keine Zweifel. Die hat er früher beim Kunstverein in Hannover, aber auch schon in Berlin und beim Deutschen Künstlerbund eindrucksvoll nachgewiesen. Kaum einer kannte den Kunstverein in Hannover, bevor de la Motte ihn übernahm und in Schwung brachte. Aber auch ein qualifizierter Mann braucht eine Anlaufzeit, bis seine Aktivitäten effektiv werden, und wenn man ihn vor dieser Zeit abhalftert, wenn man ihm die Chance nicht gibt, dann spricht das nicht gegen den Mann, sondern gegen die Leute, die ihn erst berufen und dann fallenlassen.

Man muß wissen,.wen. man haben will: einen Mann, der die Bürostunden einhält, was Manfred de la Motte offenbar nicht getan hat, oder einen, der gute Ausstellungen macht. Interessant und wichtig erscheint mir der Fall de la Motte unter einem personalen und einem sachlichen Aspekt. Personal: ein künstlerisch qualifizierter Mann gerät in die Mühle einer Kunstvereinsbürokratie und kommt möglicherweise darin um. Sachlich: die Kunstvereine glauben, unter ökonomischem Erfolgszwang zu stehen. Man fürchtet sich vor den roten Zahlen, vor den Rechnungsprüfern, die Ausstellungen sollen Geld in die Kasse bringen. Aber gute Ausstellungen sind im allgemeinen teurer als weniger gute Ausstellungen, und wenn die Kasse dann nicht stimmt, muß ein Sündenbock her, der Direktor, der Leiter, der die künstlerische Verantwortung trägt. In Kassel war das Harald Szeemann, wie erinnerlich, in Hamburg heißt der Unglückliche Manfred de la Motte. Sein erstes Hamburger Ausstellungsunternehmen endete mit einem vergleichsweise geringen Defizit. Also hatten Intriganten ein Alibi, den Direktor, bevor er überhaupt sein Programm realisieren konnte, wieder loszuwerden. Also ging man auf Nummer Sicher, holte sich Dali-Graphik von einer Galerie, die Ausstellung wurde ein glänzender Verkaufserfolg, von dem in erster Linie die Galerie, in bescheidenerem Maße auch der Kunstverein profitierte. Der kommissarische Direktor Tuchel erwies sich als ein guter Verkäufer, was man von Manfred de la Motte wahrscheinlich nicht behaupten kann.

Der Kunstverein sollte, bevor er sich endgültig von de la Motte trennt, wissen, was er haben will: einen künstlerischen oder einen kaufmännischen Direktor. Ich würde für den künstlerischen Direktor plädieren. Kunstvereine sind keine Handelsunternehmen, sie sollen informieren und keine Geschäfte machen.