Werner Koch: „Heinemann im Dritten Reich. Ein Christ lebt für Morgen“; Aussaat-Verlag, Wuppertal 1972; 224 S., 22,– DM.

Dies ist eine bedeutsame Neuerscheinung: erstens, weil die Öffentlichkeit ein noch weithin unbekanntes Teilstück aus der Biographie des westdeutschen Bundespräsidenten erfährt; zweitens, weil sie am Beispiel des Presbyters Heinemann die Rolle der Bekennenden Gemeinden im Kirchenkampf beleuchtet; drittens, weil sie an der Figur Heinemanns aufzeigt, wie die Erfahrungen im Dritten Reich politische Entscheidungen in der Nachkriegszeit mitbestimmt haben.

Ein besonderer Reiz der Darstellung ist, daß der Verfasser nicht nur gründlich nachgeforscht hat in Archiven und auch in den privaten Tagebüchern Heinemanns, sondern am Kirchenkampf mitbeteiligt gewesen ist, also aus persönlicher Erfahrung spricht. Koch ist Barth-Schüler und war Student und Freund von Dietrich Bonhoeffer. 1936 wurde er in das KZ Sachsenhausen gebracht, da er die ausländische Presse über den Kampf der Bekennenden Kirche informiert hatte. Das Heinemann-Buch des Pastors aus Emlichheim beruht auf einer Dissertation, die von der Pariser Freien Fakultät für Protestantische Theologie angenommen wurde.

Heinemann stammte aus einer Umgebung, in der man der Kirche kritisch gegenüberstand. Mitgerissen von den Predigten und der sozialen Gesinnung des Pfarrers Graeber wählte er jedoch eine aktive Mitarbeit. 1935 versuchte er seinem damals in der Türkei arbeitenden früheren Studienfreund Wilhelm Röpke diesen Gesinnungswandel verständlich zu machen: Er schrieb, daß der Kampf der Bekennenden Kirche nicht mit „undogmatischem“ Christentum, sondern nur mit biblischem Christentum geführt werden könne.

Von seinem Vater, einem Krupp-Angestellten, hatte Gustav Heinemann die Abneigung gegen das Obrigkeitsdenken übernommen; er war weder deutschnational noch nationalliberal, sondern hatte sich 1930 dem „Christlich-Sozialen Volksdienst“ angeschlossen. Auf Bitten seines Pfarrers hatte er 1932 eine längere Unterredung mit dessen Sohn, um ihm den Beitritt zur SA wieder auszureden. Er sah schon damals voraus, daß eine Herrschaft der Nationalsozialisten in einer Katastrophe enden mußte.

Anfang 1933 war Heinemanns Verhalten gegenüber den neuen Machthabern eher von kühler Distanz als von Begeisterung geprägt. Im Juli 1933 zum Presbyter gewählt, kritisierte er wenige Monate später in einem Brief an Hitler die vom Staat unterstützte Kirchenpolitik; sie sei ein „Verderb für Staat und Kirche“. Heinemanns aktive Rolle im Kirchenkampf fing Anfang 1934 an, als der Essener Jugendpfarrer Busch zwangsbeurlaubt und Pfarrer Graeber von seinem Amt enthoben worden waren. Heinemann lieh ihnen nicht nur seine juristische Hilfe, sondern kümmerte sich auch um eine Weiterführung der kirchlichen Arbeit.

Für Heinemann und seine Frau war die Gemeinde das Aktionszentrum des Kirchenkampfes. Solange Pfarrer, Presbyterium und Gemeinde zusammenhielten, war vieles möglich. Die Gemeinde trennte sich von den „Deutschen Christen“ und dem staatsfrommen Kirchenregiment; Heinemann mietete von der Stadt Essen den großen „Börsensaal“, und zusammen mit Graeber kaufte er Stühle, Kanzel und Harmonium. Auch plädierte er für die Gründung einer privaten Gemeindekirche. Nachrichtentätigkeit – in seinem Keller stand ein elektrisch betriebenes Vervielfältigungsgerät –, Hilfe für Verfolgte und Solidarität mit Verhafteten zeugen ebenso von freiem Entschluß als von tätigem Einsatz.

Nach innen und nach außen kämpfte Heinemann für einen freien Raum der Kirche. Deswegen verzichtete er sogar auf ein Angebot weiteren wirtschaftlichen Aufstiegs. Als die Bekennende Kirche trotz Heinemanns Warnungen Ende der dreißiger Jahre in überkommene konfessionelle Denkgewohnheiten und volkskirchliche Verfahrensweisen zurückfiel, stellte Heinemann seine Ämter zur Verfügung. Zu den seiner Meinung nach gebotenen Entscheidungen war die Mehrzahl der Mitsynodalen nicht bereit. Ausgetreten ist er jedoch nicht.

Heinemanns Handlungsweise war nun keineswegs typisch für das Verhalten prominenter Protestanten im NS-Reich. Wie weit sich hohe Kirchenamtspersonen politisch engagierten, belegt ein Buch, dessen Autor Material aus dem Archiv des Evangelischen Oberkirchenrats Stuttgart und aus dem Nachlaß von Landesbischof Wurm verarbeitet hat:

Gerhard Schäfer (Hrsg): „Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf“; Band I: „Um das politische Engagement der Kirche 1932–1933“; Calwer Verlag, Stuttgart 1971; 608 S., 45,– DM.

Der Kirchenpräsident Wurm, früher deutschnationaler Abgeordneter, hatte persönlich wenig Schwierigkeiten, die Spannung zwischen Glauben und Politik auszuhalten. In der Sitzung des Landeskirchentages, April 1932, meinte er, die Kirche sollte gegenüber der NSDAP „nicht dieselben Fehler machen“ wie früher gegenüber der Arbeiterbewegung. Wie stark er ihr entgegenkam und wo seine Bedenken ansetzten, bezeugt seine Reaktion auf die Ermordung von Kommunisten durch die Nazis: „Der Sieg einer christlich und national fundierten Freiheitsbewegung, den ich so heiß ersehne wie irgendein Glied der jungen Generation, ist durch das Verhalten Hitlers gegenüber den Vorfällen der letzten Zeit so sehr gefährdet, wenn nicht unmöglich gemacht.“

Beim Judenboykott, April 1933, kamen ihm freilich ähnliche Bedenken nicht in den Sinn. Einem Pfarrer, der sich bei ihm beschwerte, schrieb er: „Ich stoße mich nicht so stark an den mancherlei unerfreulichen Nebenerscheinungen des großen Reinemachens.“ Und Mitte Februar schrieb Wurm: „Es ist unsere durch das Wort Gottes gebotene Pflicht, Schuld und Unrecht nicht bloß bei dem politischen Gegner zu suchen.“

Kirchenpräsident Wurm ließ es sich nicht nehmen, an der Tagung des NS-Pfarrerbundes teilzunehmen, wo er groß gefeiert wurde. Konsequent wurde das Führerprinzip auch in der Kirche gefordert; der Kirchenpräsident sollte Bischof werden. „Ein solcher aufrechter Mann dieser Art, Deutscher und Christ, konnte – das ist spürbar – an Adolf Hitler nicht vorüberleben“, so heißt es in einer Laudatio aus jenen Tagen.

Auch über das vielschichtige Verhältnis zwischen katholischer Kirche und dem NS-Regime ist eine neue wichtige Darstellung erschienen:

Ludwig Volk: „Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933“; Reihe B, „Forschungen“; Band 5 der Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern; Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1972; XXVIII + 266 S., kart. 48,– DM.

Die Vorgeschichte reicht in jene Tage der Weimarer Republik zurück, als der damalige Nuntius Pacelli, der Nuntiusberater und Zentrumsführer Ludwig Kaas („der in Rom mehr Einfluß habe als drei Kardinäle zusammen“) und der Jesuitenpater Robert Leiber zusammenarbeiteten. Der Entschluß der Fuldaer Bischofskonferenz, eine Kontroverse um den Militärbischof in direkten Verhandlungen zwischen dem Vatikan und der Reichsregierung regeln zu lassen, brachte im Herbst 1932 den damaligen Reichskanzler von Papen ins kirchenpolitische Spiel.

Die Diskontinuität setzte da ein, als 1933 Reichstagsbrandverordnung und Ermächtigungsgesetz die verfassungsrechtliche Stellung der katholischen Kirche in Deutschland bedrohten, insofern das Gesetz schon vor einem Konkordatsabschluß die parlamentarisch-parteipolitischen Barrieren wegräumte. Die Probe auf die Vertrauenswürdigkeit der neuen Machthaber wurde die Konfessionsschule. Volk weist überzeugend nach, wie stark die Furcht vor einer nationalsozialistischen Bildungsrevolution den Prälaten Kaas, Bischöfe und Nuntius beherrscht hat. In manchen Sitzungen und Beratungen im April 1933 wurde das Thema „Schule“ erörtert. Gegen diese Stimmung kam eine Ablehnung des Konkordatsangebots ernsthaft nicht in Betracht. In dem letzten Kapitel mit dem bezeichnenden Titel „Die Einbahnstraße zum Reichskonkordat“ folgert der Verfasser, daß es, als Ende Juni 1933 die offiziellen Beratungen begannen, für den Heiligen Stuhl schon kein Zurück mehr gab; dies soll Pacelli besonders verdrossen haben.

Nicht abreißen will die Literatur über den Widerstandskämpfer Bonhoeffer. Wie sich seine Theologie und Ethik mit seinem politischen Kampf vereinbaren ließen, untersucht

Larry L. Rasmussen: „Dietrich Bonhoeffer. Reality and Resistance“; Abingdon Paperback, Abingdon Press, Nashville/New York 1972; 222 S.

Diese Frage ist legitim, weil in der Zeit, in der Bonhoeffers eigentliche Mittäterschaft am Komplott gegen Hitler anfängt, Hauptbegriffe seiner Theologie und Ethik ausgearbeitet werden. Dietrich Bonhoeffer gehört zu der kleinen Gruppe von Kirchenmännern, die den Schritt zum aktiven politischen Widerstand gewagt haben. Rasmussen zitiert aus Bonhoeffers Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943 (Nach Zehn Jahren), die auch Hans Oster und Hans von Dohnanyi überreicht wurde: „Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf.“